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Der Römerbrief:
Text, Auslegung & Anwendung

Römer 11,1-10:
Gottes Gaben haben sich am Überrest nach Wahl der Gnade erfüllt

(1) Ich frage nun: Hat Gott etwa sein Volk verstoßen? Auf gar keinen Fall! Denn auch ich selbst bin ja ein Israelit, ein Nachkomme Abrahams aus dem Stamm Benjamin.
(2) Gott hat sein Volk nicht verstoßen. Er hat es doch auserwählt. Ihr wisst doch, was die Schrift von Elia berichtet, als er sich bei Gott über Israel beklagte (1. Könige 19,10.14.18):
(3) "Herr, sie haben deine Propheten umgebracht und deine Altäre niedergerissen. Ich bin der Einzige, der übrig geblieben ist, und auch mich wollen sie ermorden."
(4) Und was hat Gott ihm geantwortet? "Ich habe mir siebentausend Mann übrig bleiben lassen. Diese haben sich vor Baal nicht auf die Knie geworfen."
(5) Genauso ist es auch jetzt: Gott hat einen kleinen Teil seines Volkes (einen Rest) übrig gelassen, den er in seiner Gnade auserwählt hat.
(6) Wenn das aber durch seine Gnade geschah, dann geschah es nicht aufgrund von Werken. Sonst wäre die Gnade keine Gnade mehr.
(7) Was heißt das nun? Was Israel als ganzes Volk erstrebt, hat es nicht erreicht. Aber der auserwählte Teil hat es erreicht. Die Übrigen hat Gott verstockt.
(8) Genau das steht in 2. Mose 29,3 und Jesaja 29,10 geschrieben: "Gott hat ihnen einen Geist der Betäubung und Verblendung gegeben, Augen, mit denen sie nicht sehen und Ohren, mit denen sie nicht hören. Und das ist bis heute so."
(9) Und David sagt in Psalm 69,23+24 und 35,8: "Ihre Tischgemeinschaft soll ihnen zur Schlinge und zum Fangnetz werden, zur Verführung und zur Vergeltung!
(10) Ihre Augen sollen sich verfinstern, sodass sie nichts mehr sehen. Ihr Rücken soll sich ständig unter dem Sklavenjoch beugen!"


Auslegung:

Gottes Gaben haben sich am Überrest nach Wahl der Gnade erfüllt

Struktur von Römer 9 bis 11(1) Ich frage nun: Hat Gott etwa sein Volk verstoßen? Auf gar keinen Fall! Denn auch ich selbst bin ja ein Israelit, ein Nachkomme Abrahams aus dem Stamm Benjamin.

(Bitte beachten Sie die Grafik. Kapitel 11,1-10 spricht wie Kapitel 9,14-29 vom "Überrest nach Wahl der Gnade!)

Das jüdische Volk hat das Evangelium gehört und auch verstanden. Aber es war Gott ungehorsam und widersetzte sich ihm. Hat dies nun dazu geführt, dass Gott Israel endgültig verworfen hat? Will er nun gar nichts mehr von diesem Volk wissen? Hat er es für immer verstoßen, und damit aus seinem Heilsplan entfernt?

Paulus beantwortet diese Fragen mit einem klaren "NEIN". Davon kann überhaupt keine Rede sein. Erstaunlicherweise führt hier Paulus keinen alttestamentlichen Beweis an. Dort wird immer wieder gesagt, dass der HERR sein Volk nicht verstoßen wird (zum Beispiel: 1. Samuel 12,22, Psalm 94,14).

Paulus verweist hier aber auf sich selbst und sagt damit: "Gott kann sein Volk nicht verstoßen haben, weil ich zu diesem Volk gehöre. Ich bin ein Israelit. Ich stamme von Abraham ab. Ich gehöre zum Stamm Benjamin. Hätte Gott Israel verstoßen, dann hätte er auch mich verstoßen müssen!"

(2) Gott hat sein Volk nicht verstoßen. Er hat es doch auserwählt. Ihr wisst doch, was die Schrift von Elia berichtet, als er sich bei Gott über Israel beklagte (1. Könige 19,10.14.18):

Es bleibt dabei. Gott hat sein Volk nicht verstoßen. Im Gegenteil. Er hat es auserwählt. Es mag so aussehen als ob, aber das täuscht. Bei Elia war es schon einmal so (geschichtlicher Hintergrund: 1. Könige 16,29 - 17,1 und 1. Könige 18,1 - 19,18).

(3) "Herr, sie haben deine Propheten umgebracht und deine Altäre niedergerissen. Ich bin der Einzige, der übrig geblieben ist, und auch mich wollen sie ermorden."

Er beklagte sich bei Gott über Israel. Er war der Überzeugung, dass nur er vor Baal (Fruchtbarkeitsgott, dem Eltern auch Kinderopfer darbrachten) seine Knie nicht gebeugt hatte.

Das Volk hatte Gottes Propheten ermordet. Gottes Altäre hatte es zerstört. Und auch Elia wollte es umbringen.

(4) Und was hat Gott ihm geantwortet? "Ich habe mir siebentausend Mann übrig bleiben lassen. Diese haben sich vor Baal nicht auf die Knie geworfen."

Doch Elia war nicht alleine. Gott klärte ihn darüber auf, dass er sich siebentausend Mann hatte übrig bleiben lassen. Und diese siebentausend Mann hatten sich auch nicht vor Baal niedergeworfen.

(5) Genauso ist es auch jetzt: Gott hat einen kleinen Teil seines Volkes (einen Rest) übrig gelassen, den er in seiner Gnade auserwählt hat.

Was also hat uns dieses Beispiel zu sagen? So, wie es damals war, ist es auch heute. In seiner Gnade hat Gott einen kleinen Teil seines Volkes gerettet.

Interessant ist hier, dass Paulus dieses "Auserwählt" mit der "Gnade" verbindet. In Kapitel 9 Vers 11 hatten wir ja gesehen, dass Gottes Auserwählung eine Handlung seiner Freiheit ist. Hier nun wird deutlich, dass auch seine Freiheit im Zeichen seiner Gnade steht!

(6) Wenn das aber durch seine Gnade geschah, dann geschah es nicht aufgrund von Werken. Sonst wäre die Gnade keine Gnade mehr.

Und diese Gnade schließt jede eigene Leistung völlig aus. Gottes Gnade würde durch eigene Leistungen völlig zerstört werden. Die Gnade wäre dann keine Gnade mehr!

(7) Was heißt das nun? Was Israel als ganzes Volk erstrebt, hat es nicht erreicht. Aber der auserwählte Teil hat es erreicht. Die Übrigen hat Gott verstockt.

Was bedeutet das nun? Israel hat die Gerechtigkeit Gottes nicht erreicht. Es hat sich um Gottes Gerechtigkeit bemüht. Es strebt bis heute danach. Aber es hat sie nicht erreicht. Gott hat diese Menschen verstockt (für das Verständnis von "erstrebt", "nicht erreicht" und "verstockt" sollten Sie meine Auslegung ab Kapitel 9 lesen).

Aber ein kleiner Teil Israels hat die Gerechtigkeit Gottes erreicht. Es ist der von Gott auserwählte Teil.

(8) Genau das steht in 2. Mose 29,3 und Jesaja 29,10 geschrieben: "Gott hat ihnen einen Geist der Betäubung und Verblendung gegeben, Augen, mit denen sie nicht sehen und Ohren, mit denen sie nicht hören. Und das ist bis heute so."

Was genau Gott getan hat, als er den Großteil Israels verstockte, das belegt Paulus nun durch 2. Mose und Jesaja:

  • Gott gab Israel einen Geist der Betäubung.
  • Gott gab Israel einen Geist der Verblendung.

Und diese Abstumpfung, Gleichgültigkeit und Geistesträgheit führte dazu, dass sie blind und taub wurden. Dieser Zustand hält im wahrsten Sinne des Wortes bis zum heutigen Tag an!

(9) Und David sagt in Psalm 69,23+24 und 35,8: "Ihre Tischgemeinschaft soll ihnen zur Schlinge und zum Fangnetz werden, zur Verführung und zur Vergeltung!

Auch König Davids Verwünschungen gegenüber seinen Feinden wurden beim Volk Israel Wirklichkeit.

Israels Tischgemeinschaft, die ja eine festliche Gemeinschaft war und Sicherheit und Geborgenheit zum Ausdruck brachte, sollte

  • zur Schlinge,
  • zum Fangnetz,
  • zur Verführung
  • und zur Vergeltung

werden. Diese Bilder deuten darauf hin, dass über diese Gemeinschaft plötzlich und unerwartet Todesgefahr hereinbricht. Die Menschen, die sich gerade noch sicher und geborgen fühlten, werden in Angst und Schrecken versetzt. Dies ist die Vergeltung Gottes.

(10) Ihre Augen sollen sich verfinstern, sodass sie nichts mehr sehen. Ihr Rücken soll sich ständig unter dem Sklavenjoch beugen!"

Und als wäre dies nicht schon genug, sollen ihre Augen so finster werden, dass sie nichts mehr sehen. Ihr Rücken soll sich ständig unter den Auswirkungen der Versklavung beugen.

Gott hat also sein Volk nicht verstoßen. Er hat es erwählt. Bis heute ist es allerdings so, dass nur ein Überrest nach Wahl der Gnade der Gerechtigkeit Gottes teilhaftig wurde. Zu diesem kleinen Teil gehörte Paulus und alle Judenchristen bis zum heutigen Tag. Ihnen wurden und werden auch die Gaben zuteil.

Die Mehrheit des Volkes wurde allerdings verstockt und muss bis heute diese Betäubung und Verblendung ertragen. Schon 2000 Jahre lebt dieses Volk immer wieder in Angst und Schrecken und er- und durchlebte Versklavung und Vergeltung Gottes.


Anwendungen:

  1. In so manchen "christlichen" Kreisen hat man Israel längst ersetzt. Paulus betont zwar, dass Gott Israel nicht verstoßen hat, aber viele wissen das besser und sagen, dass Israel durch das wahre Israel, die Gemeinde, ersetzt wurde. Als das Nordreich Israels (10 der 12 Stämme) in die assyrische Gefangenschaft deportiert wurde, soll es vollständig verschwunden sein. Aber neueste genetische Forschungen belegen, dass es bis heute Nachkommen dieser Stämme gibt.

    Gottes Volk ist nicht gänzlich untergegangen. Auch nach 2000 Jahren Judenverfolgung gibt es immer noch Nachkommen der 12 Stämme Israels. Und Israel wird in den Augen Gottes immer Israel bleiben! Israel ist Gottes auserwähltes Volk!
  2. Es gibt sogar zweierlei Israel. Einen großen Teil des jüdischen Volkes und einen kleinen Teil - einen Überrest - des jüdischen Volkes. Gott hätte tatsächlich allen Grund gehabt, Israel als Ganzes zu verstoßen. Aber nach seinem freien Willen hat er durch seine Gnade einen kleinen Teil auserwählt und gerettet.

    Natürlich bergen auch diese Verse wieder eine ganze Menge Zündstoff in sich. Konzentrieren wir uns aber auf die kleinen Details, so staunen wir, dass trotz freiem Willen und trotz Auserwählung dieses "durch seine Gnade" auftaucht. Wer sich gegenseitig wegen der Erwählungslehre die Köpfe abreißt, überliest diese Perlen des Textes. In Kapitel 9,22 war dies Gottes Langmut, hier die Gnade. Trotz Erwählung, trotz Verstockung handelt Gott in Langmut, die zur Umkehr genutzt werden soll und in Gnade, die rettend auserwählt.
  3. Und Gnade/Begnadigung schließt eigene Leistungen aus. Kein einziges Werk eines Menschen, und sei es noch so fromm und hingebungsvoll, kann die Gnade ersetzen oder komplettieren. Sonst wäre die Gnade keine Gnade mehr.
  4. Dieser begnadigende Gott handelt auch in einem religiösen Land, in dem Baal gedient wird. Wenn man heutzutage erzählt, wie man damals diesem Fruchtbarkeitsgott diente und selbst seine Kinder opferte, dann sind die Zuhörer entsetzt. Überträgt man das dann aber auf die vielen Abtreibungen, dann findet das Entsetzen ein schnelles Ende. Das eine hat dann mit dem anderen nichts zu tun.

    Aber auch die Christenfeindlichkeit Deutschlands ist erschreckend. Solange alles nur religiös ist, gibt es keine Probleme. Aber Propheten (überzeugte Christen) und Altäre (missionierende Gemeinden) werden verfolgt. Die Propheten werden mundtot gemacht und die Gemeinden denunziert. "Das sind christliche Fundamentalisten", sagt man. "Die sind nicht besser als die Taliban." Dabei sind es doch nur Christen mit einem Fundament, das sich Glaube nennt!

    Und dann wird real, was in diesem Text steht. Als überzeugter Christ spürt man dann, wie auch hier Verstockung am Werk ist. Wie möglicherweise Gott auch hier schon betäubt und verblendet hat, sodass diese Abstumpfung, Gleichgültigkeit und Geistesträgheit dazu führt, dass in unserem Land Blindheit und Taubheit um sich greift.

    Und was kommt dann? Noch feiert man hier miteinander und fühlt sich in Sicherheit und Geborgenheit. Aber die Verführung ist in vollem Gange. Überall liegen Schlingen und Fangnetze aus, die einen beim Zuschnappen plötzlich und unerwartet in Angst und Schrecken versetzen. Am Ende steht dann das Gericht Gottes. Da ist dann Schluss mit dem Rechtfertigen, Schönreden usw. Diese Vergeltung Gottes muss nicht erst am Tage des Todes stattfinden. Die Judenverfolgung und Versklavung fand im Leben der jüdischen Menschen statt.

    Könnte dies nicht ein Hinweis auf viele psychische Probleme sein? Kürzlich griff ich bei einem Arztbesuch nach einem Flyer, der im Wartezimmer ausgelegt war. Auf der zweiten Seite erzählte eine junge Frau, was sie seit ihrer Abtreibung durchmacht. Sie hat keine Hoffnung. Sie ist überzeugt davon, dass sie jene Bilder nie vergessen wird. Meines Erachtens kann es aber noch viel schlimmer kommen.

    Doch auch wenn die Mehrheit sich auf diesem Weg der Götzenanbetung befindet, wird es immer einen Rest geben. Der Überrest ist ein kleiner Teil des Ganzen. Die Mehrheit liegt für gewöhnlich falsch. Wo gehören Sie dazu? Zur Mehrheit oder zum Überrest. Zu den Begnadigten oder zu den Verstockten. Noch besteht die Möglichkeit, das Lager zu wechseln.



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