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Der Römerbrief:
Text, Auslegung & Anwendung

Römer 11,33-36:
Der Heilsplan Gottes erfüllt Paulus mit Freude

(33) Wie unergründlich tief ist doch Gottes Reichtum, sowohl seine Weisheit als auch seine Erkenntnis! Wie unergründlich sind seine Gerichte, wie unbegreiflich seine Wege!
(34) Denn welcher Mensch hat jemals die Gedanken des Herrn erkannt, oder wer ist jemals sein Berater gewesen?
(35) Oder wer hat ihm jemals etwas gegeben, sodass er es ihm zurückerstatten müsste?
(36) Denn von ihm und durch ihn und zu ihm hin sind alle Dinge! Ihm allein gebührt für immer und ewig die Ehre dafür. Amen.


Auslegung:

Der Heilsplan Gottes erfüllt Paulus mit Freude

Struktur von Römer 9 bis 11Bevor wir zur Auslegung kommen, möchte ich noch einen Hinweis geben:

  • Bitte beachten Sie die Grafik. Kapitel 11,33-36 gehört thematisch zu Kapitel 9,1-5. Es wäre zudem von Vorteil, wenn man den gesamten Textzusammenhang ab Kapitel 9 im Hinterkopf hätte!

(33) Wie unergründlich tief ist doch Gottes Reichtum, sowohl seine Weisheit als auch seine Erkenntnis! Wie unergründlich sind seine Gerichte, wie unbegreiflich seine Wege!

Mit den Versen 33-36 beendet Paulus seine Ausführungen von Kapitel 9-11, indem er Gott anbetet, (so begann er auch - siehe 9,5) und demütig anerkennt, dass Gott eben Gott ist und dass zwischen diesem Gott und den Menschen eine riesige Kluft besteht. Zwei Ausrufe (33), drei rhetorische Fragen (34+35) und sein Lobpreis (36) vermitteln dies:

  • Ausruf 1 (33a):
    In seinem ersten Ausruf ist Paulus von der unergründlichen Tiefe von Gottes Reichtum, Weisheit und Erkenntnis überwältigt. Ein Mensch kann Gottes Reichtum, Weisheit und Erkenntnis weder begreifen, noch ergründen.

    Gottes Reichtum hatte Paulus schon in Kapitel 9,23 und 11,12 angesprochen. Dort (9,23) sprach er vom Reichtum seiner Herrlichkeit, die im Beschenken der nichtjüdischen Völker zum Ausdruck kam und in 11,12 vom Reichtum (reichen Segen), den Gott über die nichtjüdischen Völker ausgegossen hat und über den noch größeren Reichtum (Tote werden lebendig), wenn das gesamte Volk Israel umkehrt. Damit ist aber Gottes Reichtum längst nicht in seiner Fülle erfasst. Die in Kapitel 9,4+5 erwähnten Gaben, seine Verheißungen usw. gehören sicherlich mit dazu. In Kapitel 2,4 erwähnt er zudem den Reichtum seiner Gütigkeit, Geduld und Langmut.

    Wenn als nächstes Gottes Weisheit angesprochen wird, dann denke ich, dass Paulus vom Heilsplan Gottes, der durch Kapitel 9-11 zum Ausdruck kommt, spricht. In 11,32 fasste er diese Weisheit folgendermaßen zusammen: "Gott hat sowohl die nichtjüdischen Völker als auch das jüdische Volk in den Ungehorsam eingeschlossen, damit er sich aller Völker erbarmen kann."

    Gottes Erkenntnis würde ich vom Textzusammenhang her mit diesen Verflechtungen innerhalb der Heilsgeschichte in Verbindung bringen. Er beruft Israel. Ein großer Teil dieses Volkes fällt. Dies bringt das Evangelium zu den nichtjüdischen Völkern. Deren Glaube reizt das jüdische Volk, sodass ... Und dann ist da noch seine Vorhersehung und das geheimnisvolle Handeln in Christus usw. Das alles hat er "vorausgesehen" und "erkannt".

    Letztlich können wir Menschen diesen Reichtum Gottes, seine Weisheit und auch seine Erkenntnis nicht ergründen. Das alles hat eine Tiefe, die wir nicht ausloten können und deshalb nur kleine Einblicke in diese Dinge erfassen. Denken Sie nur einmal an meine Ausführungen zum Thema Vorherbestimmung, bei der Gott gemäß seinem freien Willen auswählt, aber seine Langmut, Gnade und Liebe auch noch mit einbezogen sind.
  • Ausruf 2 (33b):
    Dies betrifft auch seine Rechtsentscheidungen. Wir verstehen doch die falschen Schlüsse unseres Textes (Kapitel 9-11) sehr gut. Aber sie sind falsch und gefährlich. Gottes richterliche Entscheidungen können wir nicht immer nachvollziehen. Er wirkt ungerecht. Tatsache ist aber, dass sie für Menschen unergründlich sind!

    Und die Wege, wie er die Geschichte lenkt, können wir nicht voll und ganz nachvollziehen. Sie sind uns letztendlich unbegreiflich.

(34) Denn welcher Mensch hat jemals die Gedanken des Herrn erkannt, oder wer ist jemals sein Berater gewesen? (35) Oder wer hat ihm jemals etwas gegeben, sodass er es ihm zurückerstatten müsste?

Paulus schließt nun an seine beiden Ausrufe drei rhetorische Fragen an:

  • Welcher Mensch hat Einsicht in Gottes Verstand (Gedanken)?
  • Welcher Mensch berät Gott?
  • Welchem Menschen ist Gott etwas schuldig?

  • Niemand - kein Mensch hat jemals von sich aus Einsicht in Gottes Gedanken gehabt!
  • Niemand - kein Mensch hat jemals Gott "erfolgreich" beraten!
  • Niemand - kein Mensch hat Gott jemals etwas geben können, aufgrund dessen Gott ihm etwas zurückerstatten müsste!

(36) Denn von ihm und durch ihn und zu ihm hin sind alle Dinge! Ihm allein gebührt für immer und ewig die Ehre dafür. Amen.

Und weil dies so ist, bekennt Paulus anbetend,

  • dass Gott, der Herr, der Schöpfer ist (von ihm),
  • dass Gott, der Herr, der Erhalter ist (durch ihn)
  • und dass Gott, der Herr, das Ziel (der Vollender) aller Dinge ist (zu ihm).

Ihm, nur ihm allein, gebührt dafür für immer und ewig die Ehre. Amen. - Es ist wahr! So soll es sein!


Anwendungen:

  1. Was meinen Sie? Haben die Christen von Rom in diesen Lobpreis mit eingestimmt? Wahrscheinlich schon - aber eigentlich nicht!

    Was meine ich damit? In Kapitel 15,14+15 schreibt Paulus, dass er im Brief einige Themen sehr deutlich ansprechen musste. Solch ein Thema haben wir in den Kapiteln 9-11 vor uns. Die nichtjüdischen Christen der Gemeinde von Rom hatten ein sehr großes Problem mit dem jüdischen Volk. Für sie war dieses Volk von Gott für immer und ewig verstoßen. Diesbezüglich widersprachen sie Paulus, verstanden vieles falsch und zogen falsche Schlüsse. Dies kann man im Text selbst sehr gut erkennen:

    - 9,6 Es ist nun aber nicht so, dass ...
    - 9,7 Auch sind nicht alle ...
    - 9,8 Damit ist gemeint, dass ...
    - 9,14 Welchen Schluss sollen wir nun ...
    - 9,19 Man kann mir nun entgegenhalten ...
    - 9,30 Welchen Schluss sollen wir nun ...
    - 10,18 Hat das jüdische Volk die Botschaft etwa ...
    - 10,19 Hat denn das jüdische Volk nicht ...
    - 11,1 Ich frage nun: Hat Gott etwa ...
    - 11,7 Was heißt das ...
    - 11,11 Will ich damit sagen, dass ...
    - 11,19 Du wirst mir nun entgegnen ...
    - 11,25 Ich will euch nicht im Unklaren ...

    Deshalb meine ich, dass die Christen von Rom in den Lobpreis zwar mit einstimmten, aber dabei vielleicht nicht ganz bei der Sache waren. Paulus hatte gerade drei Kapitel lang vieles richtiggestellt. Einmal sagte er sogar (9,20) "Was bildest du dir / Was bildet ihr euch eigentlich ein? Willst du als Mensch / Wollt ihr als Menschen tatsächlich mit Gott streiten?"

    Und nun bekannte Paulus im positiven Sinne:

    - Ich bin überwältigt von Gottes unerschöpflichem Reichtum (reichen Segen)!
    - Ebenso von seiner unergründlichen Weisheit!
    - Dies gilt auch für seine unbegreifliche Erkenntnis!
    - Seine richterlichen Entscheidungen sind nicht zu begreifen!
    - Und seine heilsgeschichtlichen Wege unfassbar!
    - Kein Mensch kann seine Gedanken erkennen!
    - Kein Mensch könnte jemals sein Ratgeber sein!
    - Und er ist keiner Menschenseele etwas schuldig!

    Aus Kapitel 9-11 ergibt sich für die Christen von Rom ein anderes Bekenntnis (auch wenn sie dies so nie gesagt hätten!):

    - Gottes Reichtum (reicher Segen) ist eine recht zwielichtige Sache. Das jüdische Volk kann ihn für sich vergessen, aber wir sind tatsächlich reich gesegnet!

    - Gottes Heilsplan ist schön und gut. Aber Gottes Weisheit hätte den auch ganz anders umsetzen können - zum Beispiel mit weniger Leid!

    - Und wenn er schon vorhersehend ist, dann hätte er in seiner Erkenntnis der Dinge von vornherein alles ganz anders machen sollen!

    - Was die richterlichen Entscheidungen angeht, finde ich vieles ganz und gar ungerecht!

    - Das ganze Hin und Her vom jüdischen Volk zu den nichtjüdischen Völkern und zurück, mit der Vollzahl hier und der Vollzahl dort, mit dem Überrest und dem Ein- und Aufpfropfen und Aushauen und wieder Einpfropfen mutet an, als wäre der heilsgeschichtliche Weg ein Weg mit vielen Irrwegen und Sackgassen!

    - Gottes Gedanken sind tatsächlich nicht zu erkennen/verstehen. Wie sollte das auch gehen, wo doch das göttliche Denken gegenüber dem menschlichen Denken so konträr ist? Menschliches Denken hätte die Sache mit Israel und den restlichen Völkern einfacher gemacht!

    - Deshalb wäre es gar nicht schlecht, wenn Gott auch mal auf unseren Rat hören würde. Wir wissen, wie der Mensch funktioniert! Dann hätte die Umsetzung des Heilsplans besser funktioniert!

    - Und dann würde er auch einsehen, dass er uns sehr wohl auch etwas schuldig ist. Wer sich um die Einhaltung seines Gesetzes ernsthaft bemüht, der sollte davon auch profitieren.

    Eventuell haben Sie schon einmal eine Predigt zu den Versen 33-36 gehört. Aber wahrscheinlich wurde dabei der Bezug zu Kapitel 9-11 vernachlässigt. Doch genau dieser Bezug verleiht dem Lobpreis seine Tiefe und Überzeugung. Vom Kontext losgelöst kann man viel leichter mit Paulus einstimmen.

    Wo genau stehen Sie? Können Sie überhaupt diesen Lobpreis Gottes zu Ihrem Lobpreis machen? Oder können Sie eventuell nur oberflächlich mit einstimmen? Oder treibt Sie sogar der Textzusammenhang zu diesem Lobpreis? Dann wären Sie nicht nur von Gott überwältigt, sondern auch ein Freund Israels!

    Und dann könnten Sie auch Ihren Lobpreis mit Vers 36 beenden. Im Textzusammenhang würden Sie beten:

    "Ja, du bist der Schöpfer aller Menschen, sowohl des jüdischen Volkes als auch der nichtjüdischen Völker. Und du bist auch unser Erhalter. Und du kommst mit deinem jüdischen Volk zum Ziel. Ich freue mich, dass sich Israel einmal als ganzes Volk zu dir hinwenden wird und dass es derzeit einen Überrest nach Wahl der Gnade geben darf. Danke, dass dir auch die nichtjüdischen Völker nicht egal waren und sind. Auch mit ihnen wirst du dein Ziel erreichen. In dem allem gebührt nur dir allein für immer und ewig die Ehre. Hinter diesem Gebet stehe ich voll und ganz. So soll es sein!"



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