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Der Römerbrief:
Text, Auslegung & Anwendung

Römer 13,8-10: Geschuldete Liebe!

(13,8) Bleibt niemandem etwas schuldig außer gegenseitiger Liebe. Denn wer den anderen liebt, hat damit das mosaische Gesetz erfüllt. (9) Denn die Gebote: "Du sollst nicht ehebrechen", "Du sollst nicht morden", "Du sollst nicht stehlen", "Du sollst nicht begehren" und was es sonst noch an Geboten gibt, sind in dem einen Satz zusammengefasst: "Du sollst Deinen Mitmenschen lieben wie dich selbst!" (10) Die Liebe tut dem Mitmenschen nichts Böses an. Darum ist die Liebe die Erfüllung des mosaischen Gesetzes.


Auslegung:

Römer 13,8-10 Geschuldete LiebeGeschuldete Liebe

Die Christen von Rom (alle Christen) sind Geliebte Gottes (12,19), deren Liebe ungeheuchelt (12,9) und von herzlicher Glaubensgeschwisterliebe (12,10) geprägt sein soll. Nun, in Kapitel 13 ab Vers 8 ermahnt Paulus sie zur Liebe zu ihren Mitmenschen, die sie ihnen schulden.

Den staatlichen Regierungen sind die Christen von Rom (alle Christen) Steuern, Zoll, Furcht und Ehre schuldig (13,7). Ab Vers 8 ist von einer noch größeren Schuldigkeit gegenüber allen Mitmenschen die Rede.

(8) Bleibt niemandem etwas schuldig außer gegenseitiger Liebe. Denn wer den anderen liebt, hat damit das mosaische Gesetz erfüllt.

Unseren neuen Abschnitt beginnt Paulus damit, dass er den Christen von Rom schreibt, dass sie auf gar keinen Fall irgendjemandem etwas schuldig bleiben dürfen. In Vers 7 hatte er diesbezüglich schon davon gesprochen. Jedem sollte das gegeben werden, was man ihm schuldig ist. Dazu kann man sicherlich auch die Unterordnung unter die staatlichen Gewalten zählen (1), das Tun des Guten (3), aber vom Wortlaut her insbesondere die in Vers 7 genannten Steuern, den Zoll, den Respekt und die Ehre (die rechte innere Haltung).

Von dieser Regel gibt es allerdings eine Ausnahme, nämlich die Liebe zu den Mitmenschen. Den anderen zu lieben ist für Paulus eine Schuld, die niemals als erledigt betrachtet werden kann. Diese Schuld ist unbegrenzt. Christen werden sie nie los. An eine diesbezügliche Schuldenfreiheit ist nicht zu denken.

Das liegt daran, dass dieses "den Mitmenschen lieben" das mosaische Gesetz erfüllt. Wenn Christen ihr Leben vom Heiligen Geist bestimmen lassen, können sie den Willen Gottes, den das mosaische Gesetz fordert, nicht nur tun, sondern sogar erfüllen (Auslegung bei Vers 10).

(9) Denn die Gebote: "Du sollst nicht ehebrechen", "Du sollst nicht morden", "Du sollst nicht stehlen", "Du sollst nicht begehren" und was es sonst noch an Geboten gibt, sind in dem einen Satz zusammengefasst: "Du sollst Deinen Mitmenschen lieben wie dich selbst!"

Das Alte Testament bezeugt die Gesetzeserfüllung durch die Liebe, indem es in 3. Mose 19,18 sagt: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Dieses Gebot schließt sowohl die genannten Zitate aus 5. Mose 5,17-21 als auch jedes andere Gebot, das sich auf das Verhältnis zum Mitmenschen bezieht, mit ein.

(10) Die Liebe tut dem Mitmenschen nichts Böses an. Darum ist die Liebe die Erfüllung des mosaischen Gesetzes.

Paulus schließt diesen kleinen Abschnitt ab, indem er schreibt, dass der Liebe das böse Tun am Mitmenschen fremd ist. Die Liebe fügt dem Mitmenschen nur Gutes zu, wobei das Gute im Sinne der Bibel definiert werden muss. Mit der Erwähnung des Bösen schlägt Paulus einen Bogen über den vorhergehenden Abschnitt zurück zu Kapitel 12,3ff. Das Böse muss mit dem Guten überwunden werden und dieses Gute ist die Liebe (12,21).

Darum erfüllt die Liebe das mosaische Gesetz. Dieses "Erfüllen" kann verschieden gedeutet werden:

  1. Die praktizierende Liebe hält das mosaische Gesetz. Sie ist ihm gehorsam.
  2. Die Liebe überbietet das mosaische Gesetz. Sie wurde Christen ja durch den Heiligen Geist verinnerlicht und wird von daher von Herzen gelebt und getrieben durch den Heiligen Geist.
  3. Die Liebe stellt die wahre Bedeutung des mosaischen Gesetzes heraus.
  4. Und die Liebe ist im prophetischen Sinn die Erfüllung des mosaischen Gesetzes.

Meines Erachtens hat jede dieser Deutungen ihre Berechtigung. Da es in unserem Abschnitt aber um die tätige Liebe geht, erscheint mir die erste Bedeutung am wahrscheinlichsten.


Anwendungen:

1 - Wo bitteschön bleibt hier die Liebe zu Gott?

Bisher war es so, dass ich in Römer 13,8-10 mit Paulus nicht ganz einig war. Keine Sorge, ich zweifle nichts von dem dort Gesagten an. Er schrieb mir nur zu wenig, denn wo das Gebot der Nächstenliebe genannt wird, sollte das Gebot der Gottesliebe nicht fehlen. Die Liebe ist des mosaischen Gesetzes Erfüllung und diese Liebe splittet sich nach Jesu Worten an einen Schriftgelehrten in zwei Gebote, nämlich das der Gottesliebe und das der Nächstenliebe. Natürlich verstehe ich, dass Paulus im Textzusammenhang von der praktischen Liebe zu Glaubensgeschwistern usw. spricht, aber mir fehlte die Gottesliebe trotzdem. Bis heute - da entdeckte ich sie nämlich. Im Folgenden möchte ich Ihnen das "Versteck" zeigen und hoffe dabei, dass Sie mir nicht zu heftig widersprechen!

Das Doppelgebot!

In Matthäus 22,34-40 wird uns berichtet, wie ein Schriftgelehrter versuchte, Jesus eine Falle zu stellen. Er fragte ihn: "Meister, welches ist das größte (wichtigste) Gebot des mosaischen Gesetzes?" Darauf antworte ihm Jesus: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Ein Zweites ist aber genauso groß und wichtig, nämlich: Liebe deinen Nächsten (Mitmenschen) wie dich selbst! In diesen beiden Geboten ist alles enthalten, was das Gesetz und die Propheten fordern."

Nun ist ja interessant, dass diese beiden Gebote weder so in 2. Mose 20 noch in 5. Mose 5 stehen. Dort ist die Rede davon, dass die Israeliten neben Gott keine anderen Götter haben sollen. Es werden zwar auch die, welche ihn hassen und die, welche ihn lieben erwähnt, aber die deutliche Forderung zur Gottesliebe fehlt. Und dies gilt auch für die Nächstenliebe.

"Wo dann", fragen Sie vielleicht, "sind diese Gebote niedergeschrieben?" Auch das ist sehr interessant. Das Gebot der Gottesliebe findet sich in der jüdischen Glaubensformel, dem "Höre Israel" in 5. Mose 6,4f und in der Zusammenfassung von 5. Mose (30,19f). Das Gebot der Nächstenliebe ist aus dem Heiligkeitsgesetz (3. Mose 19,18) herausgepickt. Dort heißt es: "Du sollst dich nicht rächen und den Kindern deines Volkes nichts nachtragen und sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR." Und obwohl diese beiden Gebote nicht in dieser Form in den 10 Geboten enthalten sind, wurden sie als die Zusammenfassung der beiden Gesetzestafeln betrachtet. Die Gottesliebe fasst Tafel 1, wo es um das Verhältnis zwischen Mensch und Gott geht, zusammen und die Nächstenliebe Tafel 2, wo es um das Verhältnis zwischen Mensch und Mitmensch geht, zusammen.

Die drei Festlegungen der Gottesliebe!

Jesus sagte zum Schriftgelehrten: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben

  • mit deinem ganzem Herzen,
  • mit deiner ganzen Seele
  • und mit deinem ganzen Verstand."

Mit deinem ganzen Herzen: "Ja, ich will!"

Der Begriff "Herz" lässt sich von der Bibel her mit vielen verschiedenen Inhalten (Fühlen, Denken, Wollen, ...) füllen. Unter anderem ist das Herz der Sitz des Wollens und das Zentrum der Entscheidungen. Indem Pharao sein Herz verhärtete, verschloss er sich dem Wollen und Vollbringen dessen, was Aaron (Gott) von ihm forderte (zum Beispiel 2. Mose 7). Doch wer Gott liebt, der bleibt nicht bei Worten und schönen Reden stehen, sondern liebt ihn mit Taten (1. Johannes 3,18). Mit anderen Worten: Wer Gott mit seinem ganzen Herzen liebt, der gibt sich ihm willentlich ganz hin und ist gehorsam.

Mit deiner ganzen Seele: "Ich liebe Dich!"

Wer Gott von ganzer Seele liebt, der ist wie ein Verliebter mit "seinen Gedanken ganz woanders". Das heißt soviel wie: Er ist in Gott verliebt. Den ganzen Tag träumt er von seinem Gott, freut sich über seinen Gott und bewundert seinen Gott. Bei König David zeigt sich dieses "Gott von ganzem Herzen lieben" folgendermaßen:

  • In Psalm 18,2 sagt er: "Ich liebe dich, Herr!"
  • Nachts, auf seinem Bett, denkt er an Gott und sinnt stundenlang über ihn nach (Psalm 63,7).
  • Und einen Tag im Vorhof des Tempels Gottes zählt für ihn mehr 1.000 Tage. Er würde am liebsten an der Tür des Hauses Gottes stehen, als ... (Psalm 84,11).

Das sind die Gefühle eines Liebenden. Die Bezeugung dessen, dass es so ist, immer in Gedanken beim Geliebten sein und vor allen Dingen am Geliebten "wie eine Klette" hängen.

Mit deinem ganzen Verstand: "Nur dein Wille zählt!"

In Philipper 1,9-11 schreibt Paulus, dass er eine Bitte an Gott hat, nämlich die, dass Gott die Liebe der Empfänger des Philipperbriefes immer größer werden lassen soll, damit diese prüfen können, worauf es im Lebensalltag des Christen ankommt. Dazu ist es wirklich notwendig, dass man jeden Gedanken gefangen nimmt, damit der Verstand Christus gehorsam wird (2. Korinther 10,5). Wer Gott also von ganzem Verstand liebt, möchte Gottes Willen erkennen. Dazu muss er aber seinen Verstand Gott unterordnen.

Wie kann man Gott lieben?

Gott will von jedem Christen mit seinem ganzen Sein geliebt werden. Er erwartet eine völlige Hingabe. Und wie soll das gehen? Die Bibel hat dazu eine ganz simple Antwort:

  • Jesus sagt in Lukas 7,47 sinngemäß: "Wem viele Sünden vergeben wurden, der liebt viel!"
  • Und in 1. Johannes 4,19 schreibt Johannes: "Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat!"
  • Römer 5 Vers 5 ergänzt: "Gottes Liebe wurde durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen!"

Was hat das alles nun mit unserem Text ab Römer 12,1 zu tun?

Gottesliebe in Römer 12,1 bis 15,7!

Kommen wir zurück auf die Fragestellung vom Anfang unserer Anwendung: "Wo bitteschön bleibt neben dem Gebot der Nächstenliebe das Gebot der Gottesliebe?" Hat Paulus diese Gottesliebe einfach übergangen? Ich glaube nicht. Im Gegenteil, er fing diesen Abschnitt damit an!

Zuletzt hatte ich gefragt, wie man Gott lieben kann? Die ganz einfache Antwort der Bibel ist die, dass man sich der im eigenen Leben erfahrenen Barmherzigkeit Gottes erinnern soll. Gott hat uns zuerst geliebt. Diese Liebe goss er in unsere Herzen und vergab uns unsere vielen Sünden. Das war die Barmherzigkeit Gottes uns gegenüber. Und in Römer 12 lässt Paulus diese Barmherzigkeit zu uns reden. Diese Barmherzigkeit ermahnt uns. Und mit was oder zu was ermahnt sie uns? Nach Römer 12,1+2 ermahnt sie uns meines Erachtens "Gott zu lieben", und zwar von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Verstand!

"Aber davon ist doch gar keine Rede", wenden Sie vielleicht ein. Ich meine schon. Paulus hat diese Ermahnung nur versteckt. Er sagt nicht einfach und offensichtlich: "Liebt Gott!", sondern er sagt versteckt:

  • Liebt Gott mit eurem Wollen!
  • Liebt Gott mit eurem Fühlen!
  • Und liebt Gott mit eurem Verstand!

Anders ausgedrückt:

  • Wenn Christen sich mit ihrem ganzen Herzen (Wollen) Gott ganz und gar hingeben (ihre Leiber als lebendiges und heiliges Opfer hingeben, an dem Gott Freude hat), dann lieben sie Gott von ganzem Herzen!
  • Wenn Christen mit ihrer ganzen Seele (Gefühl) den vernünftigen (geistlichen, angemessenen) und 365 Tage im Jahr (ganztägigen) Gottesdienst umsetzen, dann lieben sie Gott mit ganzer Seele und wollen nichts weiter, als den 3-Jahres-Plan Davids in und mit ihrem Leben umsetzen (1000 Tage ganz in der Nähe Gottes sein)!
  • Und wenn Christen ihren ganzen Verstand durch die Erneuerung des Verstandes umgestalten lassen, dann lieben sie Gott mit ihrem ganzen Verstand und können dadurch den Willen Gottes erprüfen und tun (beurteilen, unterscheiden und entscheiden).

Und genau das lehrt Römer 12,1+2. Ist das zu weit hergeholt? Lege ich damit zu viel in den Text hinein? Sagen Sie's mir bitte!

2 - Nicht 3, auch nicht 1, sondern 2!
Oder: Jeder ist sich selbst der Nächste!


2 Gebote!Lassen Sie mich noch einmal auf Matthäus 22,34-40 zurückkommen. Da beantwortete Jesus die Frage nach dem größten Gebot folgendermaßen:

"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Ein Zweites ist aber genauso groß und wichtig, nämlich: Liebe deinen Nächsten (Mitmenschen) wie dich selbst! In diesen beiden Geboten ist alles enthalten, was das Gesetz und die Propheten fordern."

Das Gebot der Nächstenliebe wird heutzutage oft missverstanden und missinterpretiert. Manche Bibellehrer machen aus der Antwort Jesu 3 Gebote, bei anderen hat es den Anschein, als wäre hier nur von einem Gebot die Rede. Aber Jesus spricht von zwei Geboten!

3 Gebote:

  1. Liebe Gott!
  2. Liebe Dich selbst!
  3. Liebe deinen Nächsten!

1 Gebot:

  1. Liebe dich selbst!

Jesu zwei Gebote:

  1. Liebe Gott!
  2. Liebe deinen Nächsten!

Während der Schriftgelehrte das Problem der Definition "des Nächsten" hatte, sieht man heutzutage die Problematik der Antwort Jesu eher in seiner Aussage "wie dich selbst".

Die Selbstliebe ist die Voraussetzung für die Nächstenliebe!

Menschen, die dies behaupten, zäumen das Pferd von hinten auf. Sie sagen: "Jesus sagte, Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Das heißt doch nichts anderes, als dass die Voraussetzung, deinen Nächsten zu lieben, die Liebe zu dir selbst ist!"

Die Selbstliebe ist die Voraussetzung für die Gottesliebe!

Andere gehen sogar noch weiter. Sie behaupten, dass die Gottesliebe von der Selbstliebe abhängig ist. Wenn ich mich selbst liebe, dann kann ich auch meinen Nächsten lieben, und wenn ich meinen Nächsten lieben kann, dann kann ich auch Gott lieben. Dadurch wird "das Gebot" der Selbstliebe zum wichtigsten Gebot überhaupt!

Die Selbstliebe ist der Maßstab für die Liebe zum Nächsten!

Bei dieser Auslegung liegt der Schwerpunkt auf dem Wörtchen "WIE". Und dieses "WIE" lässt sich auch in zwei Richtungen definieren. Zum einen geht es um den Grad der Selbstliebe, den man erreicht hat und dann auch weitergeben kann. Wenn ich einen Selbstliebensgrad von 50% erreicht habe, dann kann ich selbstverständlich auch nur höchstens 50% Nächstenliebe weitergeben.

Aber das "WIE" lässt sich auch auf die Liebesbeweise mir gegenüber deuten. Mit anderen Worten: Ich tue dieselben Dinge, die ich für mich tue, auch für andere!

Jeder ist sich selbst der Nächste!

Wir haben bereits gesehen, dass Jesus über die zwei wichtigsten Gebote sprach. Es sind die Gebote der Gottesliebe und der Nächstenliebe, welche die Forderungen des ganzen Alten Testaments zusammenfassen. Von einem Gebot der Selbstliebe kann keine Rede sein, weder als Voraussetzung noch als Maßstab oder Kriterium und schon gar nicht als einem Gebot, das noch wichtiger als die anderen beiden Gebote ist!

Ist das nur meine persönliche Ansicht oder lehrt dies die Bibel? Nun, ich habe bereits gesagt, dass Jesus von zwei Geboten sprach. "Wie dich selbst" wird weder als drittes Gebot genannt, noch als Gebot über diesen beiden Geboten!

Darüber hinaus ist interessant, was Lukas in einer Parallelstelle schreibt (Lukas 10,25-37). Er berichtet dort, dass ein Gesetzeslehrer sich selbst rechtfertigen wollte und deshalb in Vers 29 Jesus folgende Frage stellte: "Und wie liebe ich mich selbst?" Entschuldigung. Das fragte er nicht. Diese Frage war für den Schriftgelehrten keine Möglichkeit, sich selbst zu rechtfertigen. Warum? Weil Jesus wahrscheinlich zu ihm gesagt hätte: "Du weißt, dass du dich selbst über alles liebst!" Das wäre ein Eigentor gewesen. Der Schriftgelehrte fragte stattdessen: "Und wer ist mein Nächster?" Auf diese Art und Weise wollte er die Kurve kratzen, was ihm aber genauso misslang!

Gottes- und Nächstenliebe nach dem Maßstab der Bibel!

Eventuell sagen Sie nun: "Herr Molzahn, das vermuten sie, aber dastehen tut das nicht!" Richtig! Aber die Bibel hat noch mehr zum Thema zu sagen. Kommen wir nochmals auf Matthäus 22,40 zu sprechen. Indem Jesus dort sagt, dass das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe die Forderungen des ganzen alten Testaments zusammenfasst, sagt er darüber hinaus, dass diese beiden Gebote vom ganzen alten Testament her definiert werden müssen! Die geforderte Gottes- und Nächstenliebe hat ihren Maßstab nicht im "wie dich selbst / wie mich selbst", sondern in der Bibel!

Niemand hasst sich selbst - jeder liebt sich selbst!

Paulus schreibt in Epheser 5,28+29 von der Schuldigkeit der Männer, ihre Frauen wie ihren eigenen Körper zu lieben. In diesem Zusammenhang sagt er, dass der, der seine Frau liebt, sich selbst liebt. Und mit Vers 29 macht er deutlich, dass niemand jemals seinen Körper gehasst hat. Jeder nährt und pflegt ihn doch, wie auch Christus die Gemeinde!

Paulus argumentiert hier mit der Selbstliebe, die jeder Mensch zu sich hat! Da ist weder ein Lehrbedarf noch ein Lernbedarf! Die ganzen Selbstfindungsseminare gehen an den Tatsachen vorbei. Jeder Mensch liebt sich selbst - von Geburt an. Deshalb rechtfertigte sich der Gesetzeslehrer auch nicht auf diese Weise!

Nächstenliebe von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Verstand!

Jesus antwortete mit zwei Geboten und sagte, dass diese "gleich" sind. Wir würden vermuten, dass das Gebot der Gottesliebe höher steht, wichtiger und größer ist. Jesus aber sagte, dass das zweite Gebot der Nächstenliebe dem Ersten gleich ist. In wiefern ist es, beziehungsweise sind sie gleich? Nun, beide Gebote sind "Liebesgebote". Aber ist das alles? Ich würde behaupten, dass dann, wenn diese Gebote in den Augen Jesu gleich sind, für das zweite Gebot dieses "von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Verstand" auch gilt. Uns selbst lieben wir mit unserem ganzen Sein. Mit unserem Gefühl sind wir auf uns ausgerichtet, ebenso mit unserem Verstand und auch vom Willen her. Aber mit dieser Liebe von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Verstand sollen wir Gott und den Nächsten lieben (nicht nur uns selbst! Die Selbstliebe muss sogar überwunden werden!)!

Das alte Gebot der Nächstenliebe muss zu einem neuen Gebot werden. Jesus sagte in Johannes 13,34: "Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander! Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!" Wie hat er uns denn geliebt? Von ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Verstand - indem er sich ganz und gar für uns hingegeben hat (für die Welt - Johannes 3,16, für die Gemeinde - Epheser 5,25, für mich - Galater 2,20)!

In 1. Johannes 4,20+21 schreibt Johannes zwar über die Glaubensgeschwisterliebe (das sind auch meine Nächsten), aber ich möchte dennoch auch diese Stelle anführen. Dort heißt es: "Wenn jemand behauptet: Ich liebe Gott, aber seine Glaubensgeschwister hasst, dann ist er ein Lügner. Denn wenn jemand seine Glaubensgeschwister, die er sieht, nicht liebt, kann er Gott, den er nicht gesehen hat, auch nicht lieben. Wer Gott liebt, soll auch seine Glaubensgeschwister lieben." Wenn ich Gott 100%ig liebe, dann liebe ich auch den Nächsten 100%ig! Und wenn ich den Nächsten nicht 100%ig liebe, dann liebe ich auch Gott nicht 100%ig!

Und wer ist nun dieser mein Nächster und was heißt es, ihn zu lieben?

Dieser Frage möchte ich zum Abschluss dieser Anwendung noch ganz kurz nachgehen. Im Lukasevangelium antwortete Jesus darauf mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37). Der Gesetzeslehrer fragte zwar, wer sein Nächster sei, aber die Antwort meinte er sicherlich schon zu kennen. Und wahrscheinlich erwartete er auch genau diese Antwort von Jesus, nämlich: "Dein Nächster ist dein Verwandter, dein Freund, dein Nachbar und im weitesten Sinne auch dein Landsmann, der um dich ist. Deine Feinde aber darfst du hassen!"

Die Geschichte vom barmherzigen Samariter handelt aber nicht zu Hause. Der Mensch wurde unterwegs überfallen und halb tot liegen gelassen. Indem ihm der Samariter half, half er ihm sicherlich als ein Fremder und auch als ein Andersgläubiger. Man kann auch davon ausgehen, dass der, der für den Samariter der Nächste war, im unverletzten Zustand des Samariters Feind und Verfolger war (die Samariter waren für die Juden Ketzer und unrein - Johannes 4,9; 8,48).

Wer also ist mein Nächster? Mein Nächster ist jeder, der mir, egal wo, nahe ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob es ein Fremdling oder Andersgläubiger, Freund oder Feind oder Verfolger ist. Jeder Mitmensch ist gleichzeitig auch mein Nächster!

Und was heißt es, ihn zu lieben? Bleiben wir beim barmherzigen Samariter. Er sah die Not seines Nächsten, nahm an dessen Not Anteil (war innerlich bewegt, hatte Mitleid), half ihm für den Moment und darüber hinaus.

Fassen wir zusammen:

Jesus fasste die Forderungen des gesamten Alten Testaments in zwei Gebote zusammen. Es sind diese: "Liebe Gott und liebe Deinen Mitmenschen!" Das vermeintliche dritte Gebot oder sogar übergeordnete Gebot ist eine Verdrehung dessen, was Jesus sagte. Indem Jesus die Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst forderte, sprach er von einer Liebe zu sich selbst, wie jedermann sich selbst schon liebt.

Die Liebe zu uns selbst ist uns angeboren. Demnach ist die Selbstliebe niemals eine Voraussetzung, die zunächst geschaffen werden müsste, um den Nächsten lieben zu können - auch nicht, um Gott lieben zu können. Ebenso kann und darf sie auch niemals der Maßstab für die Nächstenliebe sein. Der Maßstab für die Nächstenliebe findet sich in der Bibel!

Die Gottes- und Nächstenliebe sind zwei Liebesgebote, denen Christen von ganzem Herzen, von ganzer Seele und und mit ganzem Verstand nachkommen sollen. Es ist eine Liebe völliger Hingabe.

Dabei kann man sich nicht durch eine raffinierte Definition des Nächsten aus der Affäre ziehen. Mein Nächster ist jeder mir auf meinem Lebensweg begegnende Mitmensch ohne Ansehen der Person und die Nächstenliebe nimmt Anteil an seiner Not, hilft ihm für den Moment mit den gegebenen Möglichkeiten und sogar darüber hinaus!



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