Der Römerbrief:
Text, Auslegung & Anwendung
Römer 15,8-13:
Israel und die Nationen sollen gemeinsam Gott verherrlichen
(8) Ich spreche davon, dass Christus um der Wahrheit Gottes willen ein Diener derer geworden ist, die beschnitten sind. Durch diesen Dienst erfüllt er auch die Verheißungen an die Stammväter.
(9) Die anderen Völker aber haben Grund, Gott zu verherrlichen, weil sie sein Erbarmen erfahren haben. Das steht schon in 2. Samuel 22,50 und Psalm 18,50 geschrieben: "Darum werde ich mich vor den Völkern zu dir bekennen und deinem Namen Loblieder singen."
(10) In 5. Mose 32,43 sagt er: "Freut euch, ihr Völker, zusammen mit seinem Volk!"
(11) Und in Psalm 117,1: "Lobt den Herrn, alle Völker! Alle Nationen sollen ihn preisen!"
(12) Und Jesaja sagt in Kapitel 11,10: "Aus der Wurzel des Isai wächst der Schössling. Er wird sich erheben, um über die Völker zu herrschen. Auf ihn werden die Völker hoffen."
(13) Ich bitte Gott, der die Quelle aller Hoffnung ist, darum, dass er euch in eurem Glauben mit aller Freude und allem Frieden erfüllt, damit eure Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes immer stärker und unerschütterlicher wird.
Auslegung:
Israel und die Nationen sollen gemeinsam Gott verherrlichen
Bevor wir zur Auslegung kommen, möchte ich noch einen Hinweis geben:
- Bitte beachten Sie die Grafik. Kapitel 15,8-13 gehört thematisch zum gesamten Teil I des Heilsplans Gottes hinzu. Es wäre also von Vorteil, wenn man den gesamten Textzusammenhang von Kapitel 9-11 im Hinterkopf hätte!
(8+9) Ich spreche davon, dass Christus um der Wahrheit Gottes willen ein Diener derer geworden ist, die beschnitten sind. Durch diesen Dienst erfüllt er auch die Verheißungen an die Stammväter. (9) Die anderen Völker aber haben Grund, Gott zu verherrlichen, weil sie sein Erbarmen erfahren haben. Das steht schon in 2. Samuel 22,50 und Psalm 18,50 geschrieben: "Darum werde ich mich vor den Völkern zu dir bekennen und deinem Namen Loblieder singen."
Gott hat den Stammvätern des jüdischen Volkes versprochen, dass seine Verheißungen nicht nur bestätigt werden (andere Übersetzungen), sondern sich auch erfüllen. Dies ist dadurch zustande gekommen, dass Christus ein Diener des jüdischen Volkes (der Beschnittenen) geworden ist. Auf diesem Wege hat er die Wahrheit Gottes (die Verheißungen an die Stammväter zu erfüllen) erfüllt. Gleichzeitig hat er dadurch auch den nichtjüdischen Völkern den Weg zur Verherrlichung Gottes eröffnet.
Nun könnte man fragen, was denn dieser dienende Dienst Christi war? Vom großen Textzusammenhang her (insbesondere Kapitel 9-11) geht es dabei um den Opferweg Jesu. Er hat durch seinen Dienst die Möglichkeit zur Errettung vollbracht. Vers 9 bringt dies mit den Worten "Gottes Erbarmen erfahren" zum Ausdruck. Dieses Erbarmen haben die nichtjüdischen Völker Christi Dienst und dem Geschehen mit den Beschnittenen zu verdanken.
Und das alles gibt den nichtjüdischen Völkern viel Grund zur Anbetung. Durch Vers 9 wird aber auch deutlich, dass nicht nur die nichtjüdischen Völker Grund zum Lobpreis haben, sondern auch das jüdische Volk. Ihm wurden die Verheißungen erfüllt.
Dieses gemeinsame Loben Gottes belegt Paulus nun mit einigen alttestamentlichen Weissagungen. Vom Textzusammenhang her ist das erste Zitat nicht so einfach zu deuten, weil es wohl auf Christus hinweisen soll (9a).
Durch 2. Samuel 22,50 und Psalm 18,50 könnte man annehmen, dass David die nichtjüdischen Völker herausfordert, mit ihm zusammen Gott Loblieder zu singen. Es ist aber eher so, dass für Paulus sich nicht David, sondern Christus unter den nichtjüdischen Völkern zu Gott bekennt und Gott Loblieder singen möchte. Es ist Christi Werk, dass die Völker Gott verherrlichen!
(10) In 5. Mose 32,43 sagt er: "Freut euch, ihr Völker, zusammen mit seinem Volk!"
Nach 5. Mose 32,43 beruft Mose die nichtjüdischen Völker dazu, sich im Freuen (Lobsingen) mit dem jüdischen Volk zu vereinen.
(11) Und in Psalm 117,1: "Lobt den Herrn, alle Völker! Alle Nationen sollen ihn preisen!"
Psalm 117,1 fordert alle Völker - wirklich alle - dazu auf, Gott zu loben.
(12) Und Jesaja sagt in Kapitel 11,10: "Aus der Wurzel des Isai wächst der Schössling. Er wird sich erheben, um über die Völker zu herrschen. Auf ihn werden die Völker hoffen."
Wenn in Jesaja 11,10 vom Schössling aus der Wurzel Isais die Rede ist, dann wird damit gesagt, dass der Messias Israels gekommen ist (Isai war der Vater von König David.). Mit seinem Kommen hat er die Herrschaft über die nichtjüdischen Völker angetreten und ist zu ihrer Hoffnung geworden. Und nur unter seiner Herrschaft können sie Gott anbeten.
(13) Ich bitte Gott, der die Quelle aller Hoffnung ist, darum, dass er euch in eurem Glauben mit aller Freude und allem Frieden erfüllt, damit eure Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes immer stärker und unerschütterlicher wird.
Paulus beendet diesen kleinen Abschnitt mit einem Gebetswunsch für die Christen in Rom. Der Gott, der die Quelle aller Hoffnung ist, soll die Christen von Rom
- mit aller Freude
- und allem Frieden erfüllen.
Aber diese Freude und dieser Frieden kann nur im Glauben empfangen werden.
Die Frucht und das Ziel dieser Freude und dieses Friedens ist eine unerschütterliche Hoffnung.
Und nur durch die Kraft des Heiligen Geistes wird diese Frucht und das Ziel erreicht.
Anwendungen:
- Warum beten Christen Gott an? Kommen sie dabei einem Befehl Gottes nach? Oder gibt es andere Gründe, Gott anzubeten? Und wie sieht eine solche Anbetung aus? Singen oder beten sie dann einfach nur: "Herr Jesus wir beten dich an. Wir preisen dich. Wir lobsingen deinem Namen."?
Genau so habe ich Anbetung schon oft erlebt. Und ich will diese Anbetung nicht kritisieren. Paulus zeigt in unserem Text aber, dass Anbetung "Inhalte" hat. Wenn Christen Gott anbeten, dann können sie ihm aufgrund vieler Dinge die Ehre geben und ihn verherrlichen.
Paulus nennt hier einige Anbetungsinhalte, die über das "Ich bete dich an!" hinausgehen:
- Vers 9: Weil wir Gottes Erbarmen erfahren haben!
- Vers 8: Weil Jesus den Opferweg gegangen ist!
- Vers 8: Weil Jesus die Verheißungen erfüllt hat!
- Vers 8: Weil Jesus die Wahrheit Gottes erfüllt hat!
- Verse 8-12: Weil Gott von Anfang an geplant hat, auch die nichtjüdischen Völker zu retten!
- Vers 12: Weil der Messias Israels zu uns gekommen ist!
- Vers 12: Weil der Messias uns Hoffnung gibt!
Aber auch diese Dinge sind nur die Kurzform dessen, womit man Gott verherrlichen kann. Was meine ich damit? Nun, wir können zum Beispiel Gott verherrlichen, weil sein Sohn den Opferweg gegangen ist. Lautet dann die Anbetung schlicht und einfach: "Himmlischer Vater, ich preise dich darüber, dass dein Sohn bereit war, hier auf Erden den Weg des Opfers zu gehen!"? Das kann sein, und dagegen ist auch nichts einzuwenden. Aber dieser Opferweg Jesu beinhaltet viele weitere Stationen zur Verherrlichung Gottes. Darf ich Sie dazu ermutigen, einmal solch eine Anbetung schriftlich zu verfassen?
Möglicherweise empfinden Sie meine Anregung etwas "kindisch". Wieso sollten wir über dieses "Ich bete dich an!" hinausgehen? Zum einen deshalb, weil Paulus in Vers 9 klar und deutlich sagt, dass das Erfahren des Erbarmens Gottes ein Grund zur Anbetung ist. Mit anderen Worten: Paulus thematisiert hier die Anbetung und macht aus diesem "Ich bete dich an!" ein "Ich bete dich an, weil ...!"Gott wird verherrlicht, wenn wir die Gründe für seine Verherrlichung in Worte fassen.
Ein Beispiel: Ihr Kind kommt von der Schule nach Hause. Es begrüßt sie, sie grüßen zurück und sagen: "Ich lobe dich!" Zwei Stunden später begegnen sie ihm wieder und sagen erneut: "Ich lobe dich!" Auch beim zu Bett bringen wiederholen sie ihr Lob. Wie empfinden sie das? Und wie empfindet dies ihr Kind? Ist nicht gerade ein solches Verhalten "kindisch"? Wirkt dieses Lob nicht wie eine Floskel?
Ganz anders ist es doch, wenn sie beim Vorweisen einer guten Note "Da hast du eine tolle Leistung vollbracht!" sagen. Und später eventuell: "Ich freue mich, dass du meiner Bitte gleich nachgekommen bist!" Und abends: "Das war ein richtig guter Tag. Du hast eine tolle Note geschrieben, mich mit meiner Bitte nicht lange warten lassen und hast darüber hinaus noch ohne Geheiß die Straße gekehrt! Gut gemacht! Prima! Das freut mich!"
Solch eine "Anbetung" kann man ernst nehmen. Wie gesagt: Solange dieses "Ich bete dich an!" keine Floskel ist, möchte ich diese Aussage nicht schlecht machen. Aber Anbetung kann weit mehr sein!
- Wir sagen gerne: "Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt!" Dabei geht es nicht wirklich um ein göttliches Hoffen. Hier ist eher von einem Hoffen die Rede, das krampfhaft an etwas festhält, das sich wahrscheinlich niemals erfüllt. Und solches Hoffen kann krankmachen.
Gott ist die Quelle aller wirklichen und wahren Hoffnung. Als Quelle kann er natürlich in unser Leben Hoffnung sprudeln lassen. Diese Hoffnung ist lebendig und trägt damit keine krankmachenden Keime in sich. Wie kommen Christen zu solch einer Hoffnung?
Durch den Glauben. Der Glaube ist die Grundlage dieser Hoffnung (13). Und der Weg zu dieser Hoffnung führt über einen freudigen und mit innerem Frieden ausgefüllten Glaubensalltag.
Wer seinen Glauben von Gott mit Freude und Frieden erfüllen lässt, wird als Frucht dieser Freude und dieses Friedens nicht nur eine ewige Hoffnung, sondern auch eine lebendige Glaubensalltagshoffnung haben. Durch die Kraft des Heiligen Geistes wird diese und die zukünftige Hoffnung immer stärker und unerschütterlicher.
Die göttliche Hoffnung stirbt nicht. Sie bleibt (1. Korinther 13,13). Auch wenn man sie nicht sehen kann (Römer 8,24), erfüllt sie sich. Sie hofft sogar dann, wenn es menschlich gesehen nichts zu hoffen gibt (Römer 4,18). In Kapitel 12,12 schreibt Paulus den Christen von Rom: "Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal und lasst euch nicht vom Gebet abbringen!"
- Analog zur Anbetungspraxis sind Christen in der Fürbitte oftmals genauso wortkarg. "Herr, segne bitte XY und hilf YZ! Amen!" Auch das möchte ich nicht schlechtreden. Solange diese Fürbitte keine Leier und keine Floskel ist, wird sie bei Gott ankommen.
Ich möchte uns aber ermutigen "theologische" Fürbitte zu praktizieren. Paulus betet in Vers 13 für die Christen von Rom. Und die Wünsche, die er da äußert, sind keine oberflächlichen Wünsche, sondern Anliegen mit Tiefgang. Ich glaube auch, dass den Christen dort diese Hoffnung abhandengekommen war. Und er ruft ihnen in diesem Gebet zu, dass sie eine Beziehung zur Quelle der Hoffnung haben. Vor Kapitel 9 belehrte er sie über den Heiligen Geist. Hier sagt er nun, dass sie durch die Kraft des Heiligen Geistes in der Hoffnung gestärkt und unerschütterlich werden. Die Grundlage des Glaubens haben sie auch. Aber wahrscheinlich fehlte es ihnen ein Stück weit an der Freude und am inneren Frieden in ihrem Glaubensalltag.
Aus diesen Erkenntnissen heraus formuliert er seinen Gebetswunsch. Euch mangelt an Hoffnung. Deshalb soll Gott euch mit aller Freude und allem Frieden erfüllen!
Welches theologische Fürbittegebet lässt sich aus dem Anliegen "Bitte betet, dass ich innerlich zur Ruhe komme!" formulieren? Nehmen Sie einfach einmal eine Konkordanz zur Hand und suchen Sie Bibelstellen heraus, die vom Frieden handeln. Danach entwickeln Sie ein kleines Fürbittegebet. Folgende Bibelstellen setzen Sie darin ganz bestimmt um:
- Römer 15,33 Gott ist die Quelle allen Friedens!
- Epheser 2,14 Jesus hat die Feindschaft zwischen Gott und den Menschen beendet.
- Römer 5,1 Christen haben Frieden mit Gott durch ihren Herrn Jesus Christus.
- Johannes 16,33 Christen können in Bedrängnissen Frieden haben, weil Jesus die Welt überwunden hat.
Es geht dabei nicht darum, mit Bibelwissen zu protzen, sondern um die besten "göttlichsten" Wünsche, die man für die betreffende Person haben kann, vor Gottes Thron zu bringen!
- Im Text geht es ja um das gemeinsame Verherrlichen Gottes von jüdischen und nichtjüdischen Christen. Haben Sie judenchristliche Kontakte? Würden Sie sich über eine solche Möglichkeit freuen?
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