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Der Römerbrief:
Text, Auslegung & Anwendung

Römer 4,1-8:
Sowohl das Gesetz als auch die Propheten belegen die Rechtfertigung aus Glauben für Abraham und alle Glaubenden

(1) Was sollen wir denn von unserem Stammvater Abraham, dessen leibliche Nachkommen wir Juden sind, sagen?
[Oder: (1) Wie war es denn bei unserem Stammvater Abraham, dessen leibliche Nachkommen wir Juden sind? Hat Abraham, als er in 1. Mose 18,3 den HERRN fragte, ob er in seinen Augen Gnade gefunden habe, des HERRN Gnade erlangt?]

(2) Folgendes: Wenn Abraham durch eigene Leistungen gerechtfertigt worden wäre, hätte er allen Grund gehabt, stolz zu sein und sich dessen zu rühmen. Aber nur vor Menschen, denn eigene Leistungen sind nicht das, was vor Gott rechtfertigt. (3) Denn was sagt 1. Mose 15,6: "Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet."

(4) Der aber, der Leistungen erbringt, hat Anspruch auf Lohn. Dieser Lohn wird ihm nicht als Gnade angerechnet. (5) Dem hingegen, der keine Leistungen erbringt, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet.

(6) Genau dies sagt auch David in Psalm 32,1+2. Dort beglückwünscht er den Menschen, dem Gott seine Gerechtigkeit ohne Gegenleistungen anrechnet:
(7) "Zu beglückwünschen sind die, deren gesetzeswidrige Taten vergeben und deren Sünden zugedeckt sind!
(8) Beneidenswert ist der Mann, dem der Herr die Sünde nicht anrechnet!"


Auslegung:

Übersicht zu Kapitel 1,16 bis ... Teil 03Sowohl das Gesetz als auch die Propheten belegen die Rechtfertigung aus Glauben für Abraham und alle Glaubenden

Paulus hat in Kapitel 3,21-31 zwei Lehrsätze aufgestellt und auch schon zwei Hinweise auf das Alte Testament gegeben. In den Versen 28 und 30 sagt er:

Lehrsatz 1: Allein der Glaube, ohne Mitwirkung von Werken (Leistungen), rechtfertigt!
Lehrsatz 2: Gott ist einer. Deshalb ist er sowohl der Juden als auch der Heiden Gott und deshalb erklärt er auch sowohl Juden als auch Heiden aufgrund des Glaubens für gerecht.

Auf das Alte Testament weist er in den Versen 21 und 31 hin:

Hinweis 1: Die heilschaffende Gerechtigkeit Gottes wird vom mosaischen Gesetz und den Propheten (also vom Alten Testament) bezeugt!
Hinweis 2: Das mosaische Gesetz wird durch die Rechtfertigung aus Glauben bestätigt!

Paulus geht im Römerbrief immer wieder in einer Art Zwiegespräch auf mögliche Einwände ein. Das hat er im vorangegangenen Abschnitt (3,21-31) getan und das führt er hier in Kapitel 4 fort. Seine gedachten Gesprächspartner sind in der Hauptsache die Juden. Ihnen möchte er nun seine Lehrsätze und seine Hinweise (Behauptungen) mit tatsächlichen Schriftbelegen beweisen. Die Einteilung / Übersicht (siehe Grafik) macht dies deutlich. In der Auslegung werde ich noch darauf eingehen.

Zunächst möchte ich Sie aber einmal mehr an den Schwierigkeiten teilhaben lassen, welche das Übersetzen des Urtextes manchmal mit sich bringt. Liest man nämlich Vers 1 in verschiedenen Übersetzungen, wird ganz schnell deutlich, dass es von Bibel zu Bibel Unterschiede gibt. Tatsächlich ist Vers 1 nicht leicht wiederzugeben. Sehen Sie selbst. Die Wort für Wort Übersetzung sieht folgendermaßen aus:

  1. Was denn sollen wir sagen Abraham unser Stammvater nach dem Fleisch?
    Bei dieser urtextlichen Handschrift stellen wir fest, dass "gefunden hat" fehlt.
  2. Was denn sollen wir sagen Abraham unser Stammvater gefunden hat nach dem Fleisch?
    Bei dieser Handschrift steht "gefunden hat" nach "Abraham unser Stammvater".
  3. Was denn sollen wir sagen gefunden hat Abraham unser Stammvater nach dem Fleisch?
    Bei dieser Handschrift steht "gefunden hat" vor "Abraham unser Stammvater".

Allgemein wird die dritte Version als die zuverlässigste Version angesehen. Doch auch diese Version kann auf zweierlei Art und Weise interpretiert werden. Die Frage ist dann nämlich, auf was sich "nach dem Fleisch" bezieht?

  1. Bezieht "nach dem Fleisch" sich auf "gefunden hat" (gefunden hat nach dem Fleisch), dann erwartet man im Textzusammenhang auch den Gegensatz "nach dem Geist".
  2. Bezieht "nach dem Fleisch" sich auf "unser Stammvater" (unser Stammvater nach dem Fleisch), wird die Frage unverständlich: "Was sollen wir denn sagen, dass Abraham unser Stammvater, dessen leibliche Nachkommen wir Juden sind (Stammvater dem Fleische nach), gefunden hat?" In der Septuaginta fragte Abraham allerdings nach 1. Mose 18,3 den HERRN, ob er in seinen Augen Gnade gefunden (des HERRN Gnade erlangt) habe?

Sie sehen, es ist gar nicht so einfach, Vers 1 so zu übersetzen, dass am Schluss die Frage dasteht, die Paulus seinen "jüdischen Gesprächspartnern" stellt. Ich habe mir an dieser Stelle damit geholfen, dass ich zunächst die Verse 2-8 übersetzt habe und dabei Vers 31 aus Kapitel 3 im Hinterkopf behielt:

  • 3,31: Die Rechtfertigung aus Glauben wird durch das Gesetz bestätigt.
  • 4,2: Eigene Werke sind nicht das, was vor Gott rechtfertigt.
  • 4,3ff: Es ist der ohne eigene Leistungen beinhaltende Glaube, dem Gott seine Gerechtigkeit anrechnet.

Und welcher Vers 1 Formulierung passt da hinein?

  • (1) Was sollen wir denn von unserem Stammvater Abraham, dessen leibliche Nachkommen wir Juden sind, sagen (ohne gefunden)?
  • (1) Wie war es denn bei unserem Stammvater Abraham, dessen leibliche Nachkommen wir Juden sind? Hat Abraham, als er in 1. Mose 18,3 den HERRN fragte, ob er in seinen Augen Gnade gefunden habe, des HERRN Gnade erlangt?

Das überlasse ich Ihnen. Version 1 ist eine klare Frage und passt zum Text. Aber auch Version 2 passt dann, wenn man wie ich übersetzt, gut zum Zusammenhang. Paulus würde dann mit dieser Frage auch einen interessanten Hinweis einbauen. Und die Antwort darauf wäre ein klares "Ja, Abraham hat Gnade gefunden!" Wenn aber Abraham Gottes "Gnade gefunden" hat, dann ist auch hier schon klar, dass "Gnade finden" nichts mit "Leistungen vorweisen" zu tun hat!

Kommen wir nun zur Auslegung des gesamten Textes:

(1) Wie war es denn bei unserem Stammvater Abraham, dessen leibliche Nachkommen wir Juden sind? Hat Abraham, als er in 1. Mose 18,3 den HERRN fragte, ob er in seinen Augen Gnade gefunden habe, des HERRN Gnade erlangt?

Paulus möchte in Kapitel 4 den Juden am Beispiel Abrahams, dessen leibliche Nachkommen sie und auch er selbst sind, das in Kapitel 3,21-31 Gesagte deutlich machen. Er fragt: "Wie war es denn bei Abraham? Hat er Gottes Gnade gefunden? Wurde er aufgrund von Werken gerecht gesprochen?"

Gemäß Vers 2 würde der Jude Folgendes antworten: "Jawohl! Abraham wurde aufgrund seiner Leistungen gerechtfertigt. Darum kann er sich auch rühmen. Nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Gott. Sein Glaube war ein Verdienst-Werk, denn er wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet (so wird 1. Mose 18,3 zum Beispiel in 1. Makkabäer 2,52 ausgelegt)!"

Paulus erwidert darauf:

(2) Folgendes: Wenn Abraham durch eigene Leistungen gerechtfertigt worden wäre, hätte er allen Grund gehabt, stolz zu sein und sich dessen zu rühmen. Aber nur vor Menschen, denn eigene Leistungen sind nicht das, was vor Gott rechtfertigt. (3) Denn was sagt 1. Mose 15,6: "Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet."

Abraham ist also auf gar keinen Fall aus Werken / Leistungen gerechtfertigt worden. Durch Leistungen hätte er nur bei Menschen Ruhm und Ansehen gewinnen können. Ein "Rechtfertigungsruhm" vor Gott ergibt sich daraus aber nicht, weil schon das mosaische Gesetz folgendes Zeugnis ablegt: Abraham setzte sein ganzes Vertrauen auf Gott und so fand er Gottes Anerkennung.

(4) Der aber, der Leistungen erbringt, hat Anspruch auf Lohn. Dieser Lohn wird ihm nicht als Gnade angerechnet. (5) Dem hingegen, der keine Leistungen erbringt, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet.

Mit Vers 4 und 5 macht Paulus klar, wie er den Beweis aus 1. Mose 15,6 verstanden wissen will:

  • Wer Leistungen erbringt, hat Anspruch auf Lohn.
  • Lohn ist Lohn und niemals Gnade.
  • Wer keine Leistungen erbringt, erlangt eventuell Gnade.
  • Und zwar dann, wenn er glaubt.

GlaubensgerechtigkeitUnd was ist das für ein Glaube?

  • Es ist der Glaube, der den Gottlosen rechtfertigt.
  • Das heißt: Dieser Glaube erkennt Gottes Urteil über den Menschen und damit sich selbst an.
  • Das heißt: Dieser Glaube sagt: "Ja, ich bin gottlos!"
  • Das heißt zudem: Ich vertraue auf deine Gnade (Begnadigung, die schenkende Gerechtigkeit Gottes).

Der Glaube und die Werke / Leistungen sind also Gegensätze. Und die Gnade schließt den Verdienst aus! Paulus möchte 1. Mose 15,6 also folgendermaßen verstanden wissen:

Ohne irgendwelche Werke / Verdienste / Leistungen vorzubringen
vertraute Abraham Gott.
Dieser beschenkte ihn daraufhin mit seiner Gnade / Gerechtigkeit / Anerkennung!

Und was sagt der Jude daraufhin? Nun, er verlangt einen weiteren Beweis, weil eine solche Aussage durch mindestens zwei Zeugen belegt sein muss. Die Rabbiner forderten neben der Thora (5 Bücher Mose / mosaisches Gesetz) einen weiteren Beweis aus den Propheten oder den Schriften. Und deshalb fährt Paulus fort und sagt:

(6) Genau dies sagt auch David in Psalm 32,1+2. Dort beglückwünscht er den Menschen, dem Gott seine Gerechtigkeit ohne Gegenleistungen anrechnet:

Wenn Paulus hier einen Menschen beglückwünscht (seligpreist), dann meint er damit einen Menschen, dem Gott seine Gerechtigkeit ohne Werke / Verdienste zurechnet. Es ist ein Mensch, der von Gott in seiner Gnade mit seiner Gerechtigkeit beschenkt wurde.

(7) "Zu beglückwünschen sind die, deren gesetzeswidrige Taten vergeben und deren Sünden zugedeckt sind!
(8) Beneidenswert ist der Mann, dem der Herr die Sünde nicht anrechnet!"

In Vers 7 und 8 ist wiederum jeweils von "selig" die Rede. Ich habe es ein Mal mit "zu beglückwünschen" und ein Mal mit "beneidenswert" wiedergegeben. Interessant ist in diesen Zitaten, was Paulus mit der Anrechnung von Gottes Gerechtigkeit gleichsetzt:

  • Sündenvergebung,
  • Sündenbedeckung und
  • nicht Anrechnung von Sünden!

Damit erinnert er an das, was er in Kapitel 3,25 gesagt hat: "Gott hat Jesus öffentlich als Sühneort aufgestellt. Durch den Glauben an Jesu Blut, das er am Kreuz vergossen hat, kommt dem Menschen Sühne für seine Sünden zugute."


Anwendung:

Die Bibel kann man übersetzen, wie man will und wie man's braucht!

Zu Beginn der Auslegung habe ich Sie an den Übersetzungsschwierigkeiten von Vers 1 teilhaben lassen. Das habe ich aus verschiedenen Gründen getan:

  1. Manche Bibelleser sind bei bestimmten Bibelversen sehr schnell dabei, lauthals zu bekunden, dass völlig falsch übersetzt wurde. Das mag sein. Aber wie Sie gesehen haben, ist es nicht immer einfach, herauszufinden, was der Schreiber der Stelle genau sagen wollte. Und selbst bibeltreue Bibelübersetzer tun sich trotz Gebet und Ehrlichkeit usw. schwer, festzulegen, wie genau nun übersetzt werden soll. Gibt man den Vers einfach Wort für Wort wieder, hat man's einfach und macht auch nichts verkehrt. Verstanden wird dann allerdings gar nichts! Ich habe Sie deshalb an diesen Schwierigkeiten teilhaben lassen, weil ich finde, dass man dann mehr Respekt vor dem Wort Gottes und denen, die es übersetzen, bekommt und dann nicht mehr so schnell mit "falsch übersetzt" (ver)urteilt!
  2. Für andere sind solche Verse ein gefundenes Fressen. Endlich hat man einen Beweis dafür, dass die Bibel voller Fehler ist. "Sehen Sie", heißt es dann, "dieser Vers belegt eindeutig, dass man die Bibel übersetzen kann, wie man will! Der eine so, der andere anders. Nichts Genaues weiß man nicht!"

    Nun, wir Christen sind normalerweise ein ehrliches Völkchen. Wir stehen dazu, dass es dieser Vers in sich hat. Aber was heißt dies eigentlich. Kann bei einer Falsch-Übersetzung wirklich so viel kaputtgehen, missverstanden werden oder gar etwas ganz anderes dabei herauskommen? Ich glaube nicht. Warum? Ganz einfach deshalb, weil dieser Vers nicht alleine dasteht. Die Verse drum herum machen dermaßen klare Aussagen, dass dieser eine Vers niemals das Gegenteil oder Ähnliches als christliche Lehre proklamieren kann und darf. Entweder er macht nach der Übersetzung im Textzusammenhang Sinn, oder er ist falsch wiedergegeben oder man muss einfach bekennen, dass man nicht genau weiß, was Paulus hier sagen wollte. Und dann wird es wohl das Beste sein, wenn man ihn möglichst wörtlich wiedergibt.

    Es versteht sich von selbst, dass die Übersetzung eines solchen Verses nicht nur dem näheren Textzusammenhang nicht widersprechen darf, sondern auch nicht dem Gesamtzeugnis der Bibel! In der Auslegung zu den Versen 4 und 5 haben wir gesehen, dass die Juden bei einem Lehrsatz, den sie für unbiblisch hielten, einen zweifachen Beweis aus verschiedenen Bibelteilen forderten. Das ist eine gute Regel, die wir uns gerne zu eigen machen dürfen.
  3. Es gibt auch Bibelausleger - auch im christlichen Gewand (Sekten) - denen solche Verse gerade recht kommen. Endlich können sie sagen, dass hier absolut falsch übersetzt wurde und dass es zum Beispiel heißen muss:

    "Wie war es denn bei unserem Stammvater Abraham, dessen leibliche Nachkommen wir Juden sind? Hat Abraham nicht, als er in 1. Mose 18,3 den HERRN fragte, ob er in seinen Augen Gnade gefunden habe, des HERRN Gnade durch Leistungen erlangt (Diese Frageform verlangt eine Bejahung!)?"

    Und dann wird auf solch einer Bibelstelle eine halbe Stunde herumgeritten. Was davor steht, ist völlig uninteressant. Was danach kommt, trägt zum Verständnis absolut nichts bei. Was die Bibel als Ganzes lehrt, bleibt außen vor.

    Dann ist gemäß einer anderen Bibelstelle Jesus nur Gottes Sohn, also niemals ein Teil der Dreieinigkeit, ohne wirklich zu klären, was die Bibel eigentlich unter "Gottes Sohn" versteht. Wiederum eine andere Bibelstelle belegt dann, dass alle Menschen mit Gott versöhnt werden. Und eine nächste Stelle lehrt eindeutig, dass Jesus dazu aufforderte: "Lasst die Kinder zu mir kommen. Hindert sie nicht daran!" Praktisch heißt dies dann, dass Babys getauft werden sollen. Usw.

    Wie gesagt, es interessiert dann nicht mehr, was drum herum geschrieben steht, oder wie es mit dem Gesamtzeugnis der Bibel harmoniert. Wichtig ist, dass man seine Irrlehre an den Mann bringt. Paulus würde sagen: "Deren Gericht ist gerecht!"

Wenn der Glaube zum Werk wird, ist die Gnade ein Verdienst!

Auch diese zweite Anwendung hat mit dem richtigen Verständnis der Bibel zu tun. Bei der ersten Anwendung ging es um die richtige Übersetzung von Bibelversen und Bibeltexten. Hier nun geht es um den richtigen Inhalt von Wörtern. Vielleicht hilft dabei folgendes Beispiel:

  • Wenn wir sagen, dass wir etwas glauben, dann halten wir es für möglich. Es ist ein gefühlsmäßiges für wahrscheinlich halten ohne irgendwelche Beweise.
  • Und nun fordert ein Pastor von der Kanzel herunter dazu auf, dass jeder Zuhörer an das Sühnopfer Jesu glauben soll. Kann man dann den Zuhörer als Gläubigen bezeichnen, wenn er "Glauben" als gefühlsmäßiges für wahr halten des Sühnopfers hält, das man nicht beweisen kann und das je nach dem möglich ist?
  • Die Bibel definiert Glauben als ein überzeugt sein von Tatsachen, die man nicht sieht (Hebräer 11,1). Das ist etwas ganz anderes!

Wenn die Juden damals hörten, dass Abraham durch Glauben gerechtfertig wurde, dann verstanden sie darunter, dass Abrahams Glaube eine Leistung / Verdienst / Werk war. "Ja", sagten sie, "du hast recht. Abraham war vollendet in all seinem Tun gegenüber Gott. Abraham hat das ganze mosaische Gesetz gehalten. Das steht ja schon in 1. Mose 26,3-5. Dort ist geschrieben, dass Gott sich an seine Verheißung Abraham gegenüber hält, weil Abraham seiner Stimme gehorcht hat und seine Vorschriften, Gebote, Ordnungen und Gesetze gehalten hat. Abraham gehorchte Gott und deshalb fand er bei Gott Anerkennung (1. Makkabäer 2,52)."

Wenn Paulus den Juden also Gottes geschenkte Gerechtigkeit nahebringen will, kämpft er nicht nur gegen normale Verdienstwerke und Vorzüge, sondern auch gegen ein völlig falsches Verständnis des Begriffes "Glaube", weil "glauben" ebenfalls als Werk angesehen wurde. Paulus war also bemüht, den Juden zu beweisen,

  • dass Werke, wie sie das mosaische Gesetz fordert (nicht stehlen usw.), nicht zur Gerechtigkeit Gottes mitwirken,
  • dass Vorzüge, die sie haben (Volk Gottes, Beschneidung usw.), auch keine Freikarte für die Gerechtigkeit Gottes darstellen
  • und dass der Glaube, der zur Gerechtigkeit angerechnet wird, mit ihrer Glaubensdefinition nichts gemein hat. Der Glaube schließt die Werke aus und auch der Glaube selbst ist kein Werk. Glaube und Werke sind Gegensätze.

Ich finde es in der heutigen Zeit sehr schwer, über biblische Themen verständlich zu sprechen. Man verwendet biblische Begriffe und müsste eigentlich zunächst einmal jeden Begriff ausführlich und im Sinne der Bibel definieren. Auch der Begriff "Glaube" ist davon betroffen. Würde man insbesondere ältere Bürger fragen, ob sie gläubig sind, dann würden wohl die meisten mit "Ja" antworten. Aber an wen und an was und wie glauben sie? O. K., sie glauben an Jesus. Und was glauben sie von diesem Jesus? Und wie glauben sie? Ist der Inhalt "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!" oder: "Ich glaube an die Sakramente!" oder: "Nichts Genaues weiß man nicht?"

Bibeltexte zu übersetzen, ist nicht immer einfach. Auch die Begriffswahl bei der Bibelübersetzung ist eine heikle Geschichte. Wie füllt die Bibel / Gott diesen Begriff und wie wird er in meiner Kultur gefüllt? Was versteht der Leser, wenn er den übersetzten Text liest?

Paulus möchte im Sinne Gottes verstanden werden. Deshalb verwendet er viele Verse und Kapitel dafür, um bestehende falsche Verständnisse richtigzustellen. Was wir weitersagen, muss im Sinne Gottes verstanden werden. Und soviel an uns liegt, sollten wir dafür sorgen, dass Gottes Botschaft an die Menschen bei ihnen so ankommt, wie sie gemeint ist. Was den Begriff "Glauben" angeht, versuchen heute schon Bibelübersetzungen eher vom Vertrauen zu sprechen. Glauben wird manchmal auch mit einem ganzen Satz umschrieben. Es ist schwer geworden, im Sinne Gottes über den Glauben zu reden.



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