Der Römerbrief:
Text, Auslegung & Anwendung
Römer 11,11-32:
Gottes Gaben werden zu guter Letzt ganz Israel zukommen
(11) Will ich damit sagen, dass sie gestolpert sind, um zu Fall zu kommen? Auf gar keinen Fall! Sie haben zwar einen Fehltritt getan, aber der hat den nichtjüdischen Völkern die Rettung gebracht. Das wiederum sollte dazu führen, dass das jüdische Volk zum Nacheifern gereizt wird.
(12) Wenn aber sein Fehltritt ein solch reicher Segen für die Welt ist und sein Verlust ein solch reicher Segen für die nichtjüdischen Völker bedeutet - um wie viel reicher wird der Segen erst dann sein, wenn das gesamte jüdische Volk umkehrt!
(13) Euch, den nichtjüdischen Völkern, möchte ich Folgendes sagen: Gott hat mich zum Apostel der nichtjüdischen Völker berufen und ich danke ihm für diesen Dienst.
(14) Denn vielleicht gelingt es mir ja gerade dadurch, die Angehörigen meines eigenen Volkes zur Eifersucht und zum Nacheifern anzureizen. Ich möchte wenigstens einige von ihnen retten.
(15) Denn wenn ihre Verwerfung der Welt die Versöhnung brachte, was wird dann erst ihre Wiederannahme sein? Nichts Geringeres, als dass Tote wieder lebendig werden.
(16) Übrigens: Wenn das Erstlingsbrot heilig ist, ist auch der gesamte Teig heilig. Und wenn die Wurzel des Ölbaums heilig ist, sind auch die Zweige heilig.
(17) Wenn aber einige der Zweige ausgebrochen wurden und du, der du ein Zweig eines wilden Ölbaums warst, unter die übrig gebliebenen Zweige eingepfropft worden bist und jetzt vom Saft aus der Wurzel des edlen Ölbaumes versorgt wirst,
(18) dann sei gegenüber den anderen Zweigen nicht überheblich! Wenn du allerdings meinst, allen Grund zur Überheblichkeit zu haben, dann bedenke Folgendes: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.
(19) Du wirst mir nun entgegnen: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft werden kann.
(20) Das stimmt. Aber dass sie ausgebrochen wurden, lag an ihrem Unglauben. Als Eingepfropfter hast du aber deinen Stand durch den Glauben. Sei nicht überheblich, sondern fürchte dich!
(21) Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, so ist zu befürchten, dass er auch dich nicht verschonen wird.
(22) Schau dir nun die Güte und Strenge Gottes an: Denen gegenüber, die gefallen sind, ist er streng. Dir gegenüber ist er gütig. Wenn du allerdings seiner Güte nicht mehr vertraust, wirst auch du herausgehauen.
(23) Aber die Herausgehauenen werden, wenn sie ihren Unglauben aufgeben, wieder eingepfropft. Gott ist sehr wohl imstande, sie wieder einzupfropfen.
(24) Denn wenn du aus dem wilden Ölbaum herausgeschnitten und als fremdes Holz auf den edlen Ölbaum aufgepfropft worden bist, wie viel leichter wird es dann sein, dasselbe Holz wieder auf denselben Ölbaum zurückzupfropfen.
(25) Denn ich will euch, liebe Glaubensgeschwister von Rom, über ein Geheimnis nicht im Unklaren lassen. Ihr steht sonst in der Gefahr, aus der Verstockung Israels falsche Schlüsse zu ziehen. Das Geheimnis ist: Zwar ist Israel zum Teil Verstockung widerfahren, aber die wird nur so lange andauern, bis die volle Zahl an Menschen aus den nichtjüdischen Völkern zum Glauben gekommen ist.
(26) Wenn das geschehen ist, wird ganz Israel gerettet werden. Das steht schon in Jesaja 59,20+21; 27,9 und Jeremia 31,33-35: "Aus Jerusalem wird der Retter kommen, der die Nachkommen Jakobs von all ihrer Gottlosigkeit befreien wird.
(27) Dies ist der Bund, den ich mit ihnen schließen werde: Ich werde ihnen ihre Sünden vergeben."
(28) Hinsichtlich des Evangeliums sind sie zwar Feinde Gottes um euretwillen, hinsichtlich der Erwählung sind sie aber Geliebte Gottes um der Stammväter willen.
(29) Denn die Gnadengaben nimmt Gott nicht zurück und die Berufung Gottes wird nicht widerrufen.
(30) Denn wie ihr in der Vergangenheit Gott nicht gehorcht habt, jetzt aber infolge ihres Ungehorsams Erbarmen gefunden habt,
(31) so sind in der Gegenwart sie es, die gegenüber dem euch erwiesenen Erbarmen ungehorsam sind, damit auch sie jetzt dahin kommen, Erbarmen zu finden.
(32) Denn Gott hat zunächst einmal alle Menschen zu Gefangenen des Ungehorsams gemacht, damit er sich aller erbarmen kann.
Auslegung:
Gottes Gaben werden zu guter Letzt ganz Israel zukommen
Bevor wir zur Auslegung kommen, möchte ich noch zwei Hinweise geben:
- Bitte beachten Sie die Grafik. Kapitel 11,11-32 gehört thematisch zu Kapitel 9,6-13. Es wäre zudem von Vorteil, wenn man den gesamten Textzusammenhang ab Kapitel 9 im Hinterkopf hätte!
- Den für diese Lektion zugrunde liegenden Bibeltext habe ich teilweise sehr frei und auslegend übersetzt. Bitte vergleichen Sie deshalb unbedingt meinen Text mit dem der rev. Elberfelder Bibel. Der Vorteil meiner "Übersetzung" ist für mich der, dass ich im Auslegungsteil nicht mehr so viel erklären muss.
(11.12+15) Will ich damit sagen, dass sie gestolpert sind, um zu Fall zu kommen? Auf gar keinen Fall! Sie haben zwar einen Fehltritt getan, aber der hat den nichtjüdischen Völkern die Rettung gebracht. Das wiederum sollte dazu führen, dass das jüdische Volk zum Nacheifern gereizt wird. (12) Wenn aber sein Fehltritt ein solch reicher Segen für die Welt ist und sein Verlust ein solch reicher Segen für die nichtjüdischen Völker bedeutet - um wie viel reicher wird der Segen erst dann sein, wenn das gesamte jüdische Volk umkehrt! (15) Denn wenn ihre Verwerfung der Welt die Versöhnung brachte, was wird dann erst ihre Wiederannahme sein? Nichts Geringeres, als dass Tote wieder lebendig werden.
Aus dem in den Versen 1-10 Gesagten, könnten die Christen von Rom den Schluss ziehen, dass der große Teil des jüdischen Volkes nur deshalb ins Stolpern gekommen ist, damit er zu Fall kommt. Und zwar für immer und endgültig zu Fall kommt. Und dass es für diesen Teil keine Hoffnung mehr gibt.
Paulus greift diese im Raum stehende Folgerung auf, formuliert daraus seine Frage (11a), beantwortet sie zunächst mit einem klaren "NEIN" und führt dann aus, dass es für den Großteil des jüdischen Volkes sehr wohl Hoffnung gibt. Er ist nicht endgültig zu Fall gekommen. Dieser Fall hat vielmehr eine Kettenreaktion ausgelöst:
- Der Großteil des jüdischen Volkes kam zu Fall.
- Dies sorgte dafür, dass den nichtjüdischen Völkern das Evangelium gepredigt wurde.
- Dies bewirkte, dass nichtjüdische Menschen gerettet wurden.
- Dieses Geschehen nahm und nimmt das jüdische Volk wahr.
- Diese Beobachtung reizt das jüdische Volk zur Eifersucht / zum Nacheifern.
- Letztlich führt auf diese Weise der Fall des jüdischen Volkes dazu, dass es selbst für Gott gewonnen werden kann!
Mit anderen Worten:
- Der Fall Israels bescherte den nichtjüdischen Völkern das Evangelium.
- Das jüdische Volk nahm und nimmt dies wahr.
- Es wird eifersüchtig,
- weil es selbst das Evangelium verstanden hat (siehe 10,14-21)
- und sich dessen bewusst ist, dass es die Gaben Gottes (siehe 9,1-5) zuallererst empfing / empfangen sollte.
- Diese Eifersucht reizt zum Nacheifern.
- Schlussendlich werden sie selbst um die Gaben Gottes bitten.
In diesem Zusammenhang ist sehr interessant, was Paulus den Juden von Antiochien nach Apostelgeschichte 13,44+46 predigte:
"Am nächsten Sabbat versammelten sich die Einwohner der ganzen Stadt, um das Wort Gottes zu hören. Als aber die Juden die Volksmenge sahen, wurden sie von Eifersucht erfüllt, und widersprachen dem, was Paulus sagte, und lästerten. Paulus aber und Barnabas sprachen frei und offen: Zu euch musste das Wort Gottes zuerst gepredigt werden. Weil ihr es aber von euch stoßt und euch selbst des ewigen Lebens nicht für würdig erachtet, wenden wir uns den nichtjüdischen Völkern zu."
Vers 12 macht nun deutlich, dass es Gott um viel mehr geht, nämlich um das jüdische Volk als Ganzes:
- Die Verwerfung des Großteils des jüdischen Volkes ist der Reichtum (reicher Segen) der nichtjüdischen Völker.
- Dieser Reichtum der nichtjüdischen Völker ist nach Vers 15 die Versöhnung. Mit anderen Worten: Heiden werden gläubig!
- Aber auf das jüdische Volk wartet ein viel größerer Reichtum (reicherer Segen). Der wird ausgeschüttet, wenn Israel als Vollzahl (das gesamte jüdische Volk) umkehrt.
- Israels größerer Reichtum bei seiner Wiederannahme ist Leben aus den Toten.
- Dieses "Leben aus den Toten" übertrifft "die Versöhnung der nichtjüdischen Völker"!
Was meint Paulus damit?
Mit Sicherheit diese Errettung von ganz Israel - Vers 26. In Hesekiel 37,1-10 wird uns die Vision von den Totengebeinen berichtet. Das ganze Tal lag voller Totengebeine. Und der Herr wird diese Gebeine lebendig machen, sie mit Sehnen versehen, Fleisch drüberwachsen lassen, mit Haut überziehen und ihnen Odem geben, dass sie wieder lebendig werden und: Sie werden erkennen, dass ich der HERR bin!
(13) Euch, den nichtjüdischen Völkern, möchte ich Folgendes sagen: Gott hat mich zum Apostel der nichtjüdischen Völker berufen und ich danke ihm für diesen Dienst.
In Kapitel 15 Vers 14 und 15 hatten wir gesehen, dass Paulus auf die Gläubigen von Rom große Stücke hält. Sie können sich gegenseitig zurechtweisen. Dennoch musste er in seinem Brief immer wieder deutliche Worte schreiben. So auch hier (Kapitel 9-11 enthalten viele dieser deutlichen Worte in Bezug auf das Verhältnis nichtjüdischer Christen gegenüber Juden!).
In den Versen 13 - 24 warnt Paulus nichtjüdische Christen davor, Israel gegenüber überheblich zu sein. Die Formulierung lässt erkennen, dass er diese Warnung an alle nichtjüdischen Christen richtet.
Zunächst aber teilt er uns mit, dass Gott ihn zum Apostel der nichtjüdischen Völker berufen hat. "Er bringt seinen Dienst zu Ehren" bedeutet, dass er Gott für diesen Dienst sehr dankbar ist".
(14) Denn vielleicht gelingt es mir ja gerade dadurch, die Angehörigen meines eigenen Volkes zur Eifersucht und zum Nacheifern anzureizen. Ich möchte wenigstens einige von ihnen retten.
Warum freut er sich so über seinen Dienst und ist dankbar? Diese Frage beantwortet er mit Vers 14: Durch seinen Dienst gibt ihm Gott die Möglichkeit, das jüdische Volk zur Eifersucht und zum Nacheifern zu reizen. Und das würde heißen, dass er auf diesem Umweg einige seiner Landsleute retten könnte.
(15) Denn wenn ihre Verwerfung der Welt die Versöhnung brachte, was wird dann erst ihre Wiederannahme sein? Nichts Geringeres, als dass Tote wieder lebendig werden.
Vers 15 habe ich schon weiter oben besprochen. Dieser Vers begründet aber auch die Aussage von Vers 14. Eventuell will Paulus damit sagen, dass dieser Dienst auch den Tag der Wiederannahme schneller herbeiführt. Und wann wird dieser Tag, an dem Tote wieder lebendig werden, sein? Diese Frage wird in den Versen 25 - 27 klar und deutlich beantwortet:
- (25) Bei Gott gibt es eine Vollzahl nichtjüdischer Menschen, die Christen werden. Ist diese erreicht, wird ganz Israel errettet.
- (26) Dieses Erreichen hängt mit dem Erscheinen des Retters in Jerusalem zusammen.
- (27) Dieser wendet von Israel seine Gottlosigkeit und vergibt ihm seine Schuld (Israel kehrt um - Vers 12).
- (27) Dies ist gleichzeitig die "Bundeserneuerung" (der Neue Bund) mit Israel, welcher der einzige Bund ist, der sich ausdrücklich mit dem Wegnehmen von Sünden befasst - Jeremia 31,34, Hesekiel 34,25 und Jesaja 11,6-9.
Mit anderen Worten:
- Wenn Jesus wiederkommt (nach Entrückung und nach der Trübsalzeit), ist die Vollzahl nichtjüdischer Christen erreicht.
- Bei dieser Wiederkunft kommt die Bekehrung Israels zustande.
- Damit erfüllt sich auch die Verheißung des Neuen Bundes mit Israel.
- Das Tausendjährige Reich schließt sich diesem Geschehen an.
(Beachten Sie bitte hierzu meinen Exkurs über Prophetie auf prophetie-eschatologie-endzeitmodelle.php.)
Gilt nun der Neue Bund nur für Israel, oder nur für die Gemeinde, oder für beide oder hat die Gemeinde Israel ersetzt. Gegen die letztere Ansicht kämpft Paulus in Römer 9 - 11. Dass der Neue Bund nur für Israel gilt, werde ich im Anwendungsteil widerlegen. Der Neue Bund ist auch, wie wir dort sehen werden, nicht nur für Israel. Für mich scheint es so, dass der Neue Bund seine Erfüllung nicht in der Gemeinde findet. Der Neue Bund mit der Gemeinde ist eine Teilerfüllung des Neuen Bundes mit Israel. So wird zum Beispiel den nichtjüdischen Christen in ihrer Version des Neuen Bundes kein Landerbe in Israel zugesprochen. Genauso wie wir vom Bund mit Abraham aufgrund des Glaubens profitieren, sind wir wohl auch Nutznießer des Neuen Bundes ohne ihn zu erfüllen.
(16) Übrigens: Wenn das Erstlingsbrot heilig ist, ist auch der gesamte Teig heilig. Und wenn die Wurzel des Ölbaums heilig ist, sind auch die Zweige heilig.
Paulus führt nun als Grundlage für seine Ausführungen in den Versen 17 - 24 zwei Gleichnisse an. In 4. Mose 15,17-21 ist davon die Rede, dass die Israeliten jedes Jahr vom ersten Brotteig der neuen Getreideernte einen kleinen Teil als Hebopfer (eine Art Dankopfer) Gott darbringen sollten. Dadurch war dann alles von derselben Getreideernte gebackene Brot (der restliche Brotteig) heilig.
Das zweite Gleichnis handelt vom Ölbaum.
Beide Gleichnisse schließen von einem Teil aufs Ganze. Dabei entscheidet die Quelle (der Teig / die Wurzel) über den Fortgang (alles Brot ist heilig / die Zweige sind heilig). Von Vers 28 her weißt die Quelle (der Teig / die Wurzel) auf die Stammväter Israels (insbesondere Abraham, aber auch Isaak und Jakob) hin.
(17+18) Wenn aber einige der Zweige ausgebrochen wurden und du, der du ein Zweig eines wilden Ölbaums warst, unter die übrig gebliebenen Zweige eingepfropft worden bist und jetzt vom Saft aus der Wurzel des edlen Ölbaumes versorgt wirst, (18) dann sei gegenüber den anderen Zweigen nicht überheblich! Wenn du allerdings meinst, allen Grund zur Überheblichkeit zu haben, dann bedenke Folgendes: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.
Auf das zweite Gleichnis geht Paulus nun näher ein:
- Die heilige Wurzel des Ölbaums sind die Stammväter, durch welche die Zweige gesegnet werden.
- Der Ölbaum selbst ist ein edler Ölbaum (24).
- Die "edlen" Zweige des Ölbaums sind das jüdische Volk.
- Einige der "edlen" Zweige wurden ausgebrochen.
- Die Zweige des wilden Ölbaums sind die nichtjüdischen Völker.
- Solche "unedlen" Zweige wurden in den edlen Ölbaum eingepfropft.
- Alle Zweige werden von der Wurzel her ernährt.
- Den heiligen Segen gibt es nur von der Wurzel des edlen Ölbaums.
- Dieser Segen lässt an den Verheißungen der Stammväter teilhaftig werden.
Die nichtjüdischen Christen haben also überhaupt keinen Grund zur Überheblichkeit. Sie wurden als "unedle" Zweige auf den edlen Ölbaum Israel aufgepfropft und werden durch dessen Wurzeln (Israels Stammväter) gesegnet!
(19-21) Du wirst mir nun entgegnen: Die Zweige sind ausgebrochen worden, damit ich eingepfropft werden kann. (20) Das stimmt. Aber dass sie ausgebrochen wurden, lag an ihrem Unglauben. Als Eingepfropfter hast du aber deinen Stand durch den Glauben. Sei nicht überheblich, sondern fürchte dich! (21) Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, so ist zu befürchten, dass er auch dich nicht verschonen wird.
Nun könnte man natürlich einwenden, dass Gott die edlen Zweige ausgebrochen hat, damit die "unedlen" Zweige aus den nichtjüdischen Völkern eingepfropft werden konnten. Das ist richtig. Aber der Vorgang ist vom Glauben beziehungsweise Unglauben bestimmt. Die jüdischen Zweige wurden wegen ihres Unglaubens ausgebrochen und die nichtjüdischen Zweige wurden aufgrund ihres Glaubens eingepfropft und werden nur dann nicht wieder ausgebrochen, wenn sie durch den Glauben stehen, also errettet sind.
Der Christ, der da gegenüber Israel noch hochmütig ist, hat keine Ehrfurcht vor Gott (20)! Gott kann und wird auch Zweige aus den nichtjüdischen Völkern wieder ausbrechen, wenn sie nicht glauben. Ganz genau so, wie er es bei den jüdischen Zweigen getan hat!
(22-24) Schau dir nun die Güte und Strenge Gottes an: Denen gegenüber, die gefallen sind, ist er streng. Dir gegenüber ist er gütig. Wenn du allerdings seiner Güte nicht mehr vertraust, wirst auch du herausgehauen. (23) Aber die Herausgehauenen werden, wenn sie ihren Unglauben aufgeben, wieder eingepfropft. Gott ist sehr wohl imstande, sie wieder einzupfropfen. (24) Denn wenn du aus dem wilden Ölbaum herausgeschnitten und als fremdes Holz auf den edlen Ölbaum aufgepfropft worden bist, wie viel leichter wird es dann sein, dasselbe Holz wieder auf denselben Ölbaum zurückzupfropfen.
Aus dem bisher Gesagten kann man erkennen,
- dass das gefallene Israel die Strenge Gottes erfahren hat
- und den nichtjüdischen Völkern die Güte Gottes zuteil wurde.
Dabei gibt es aber zwei große ABER:
- Einzelne aus den nichtjüdischen Völkern können auch die Strenge Gottes erfahren. Dann nämlich, wenn sie nicht an der Güte Gottes festhalten, oder, um es mit den Worten von Vers 20 zu sagen, wenn sie nicht im Glauben stehen. Dann werden sie herausgehauen.
- Aber Einzelne aus dem jüdischen Volk können auch die Güte Gottes erfahren. Dann nämlich, wenn sie nicht im Unglauben bleiben! Sie gehören ja schon von Haus aus zum edlen Ölbaum. Es ist ein Leichtes, solche Zweige wieder einzupfropfen. Wohingegen wilde Zweige nicht so problemlos aufzupfropfen sind.
(25-27) Denn ich will euch, liebe Glaubensgeschwister von Rom, über ein Geheimnis nicht im Unklaren lassen. Ihr steht sonst in der Gefahr, aus der Verstockung Israels falsche Schlüsse zu ziehen. Das Geheimnis ist: Zwar ist Israel zum Teil Verstockung widerfahren, aber die wird nur so lange andauern, bis die volle Zahl an Menschen aus den nichtjüdischen Völkern zum Glauben gekommen ist. (26) Wenn das geschehen ist, wird ganz Israel gerettet werden. Das steht schon in Jesaja 59,20+21; 27,9 und Jeremia 31,33-35: "Aus Jerusalem wird der Retter kommen, der die Nachkommen Jakobs von all ihrer Gottlosigkeit befreien wird. (27) Dies ist der Bund, den ich mit ihnen schließen werde: Ich werde ihnen ihre Sünden vergeben."
Und wieder weist Paulus darauf hin, aus dem Gesagten keine falschen Schlüsse zu ziehen. Deshalb offenbart er den Christen von Rom (und uns) ein Geheimnis. Was er sagt, ist deshalb ein Geheimnis, weil Gott es bisher nicht geoffenbart hatte. Es hat also nicht den Charakter einer schwer verständlichen Sache. Es wurde lediglich bisher nicht "verraten"!
Das Geheimnis besteht aus drei Teilen:
- Einem Teil des jüdischen Volkes ist Verstockung widerfahren.
- Diese dauert bis zur Vollzahl aus den nichtjüdischen Völkern an.
- Und dann wird die Vollzahl Israels (ganz Israel - Vers 12) gerettet.
Über den Rest dieses Textes haben wir schon bei Vers 15 gesprochen.
(28+29) Hinsichtlich des Evangeliums sind sie zwar Feinde Gottes um euretwillen, hinsichtlich der Erwählung sind sie aber Geliebte Gottes um der Stammväter willen. (29) Denn die Gnadengaben nimmt Gott nicht zurück und die Berufung Gottes wird nicht widerrufen.
Das Geheimnis besteht aus drei Teilen. Diese beinhalten aber auch Gottes unverdiente Gnade.
- Weil das jüdische Volk das Evangelium ablehnte, wurde es zum Feind Gottes.
- Aber Gott hat den Stammvätern Abraham, Isaak und Jakob in der Erwählung seine Liebe zugewandt. Deshalb liebt er deren leiblichen Nachkommen auch.
- Und das auch deshalb, weil er seine Gnadengaben (9,4+5) nicht zurücknimmt und seine Berufung nicht widerruft.
(30) Denn wie ihr in der Vergangenheit Gott nicht gehorcht habt, jetzt aber infolge ihres Ungehorsams Erbarmen gefunden habt, (31) so sind in der Gegenwart sie es, die gegenüber dem euch erwiesenen Erbarmen ungehorsam sind, damit auch sie jetzt dahin kommen, Erbarmen zu finden. (32) Denn Gott hat zunächst einmal alle Menschen zu Gefangenen des Ungehorsams gemacht, damit er sich aller erbarmen kann.
Wie lässt sich beweisen, dass Gott seine Gnadengaben nicht zurücknimmt und seine Berufung nicht widerruft? Mit dem Inhalt der Verse 30 - 32, nämlich mit dem, was mit den nichtjüdischen Völkern und dem jüdischen Volk geschieht:
- Die nichtjüdischen Völker haben in der Vergangenheit Gott nicht gehorcht.
- Nun aber, infolge des Ungehorsams des jüdischen Volkes, haben sie Gottes Erbarmen gefunden.
- Gott hat also die nichtjüdischen Völker nicht von seinem Heilsplan ausgeschlossen, sondern der Ungehorsam des jüdischen Volkes kam ihnen zugute.
- Das jüdische Volk ist in der Gegenwart gegenüber Gottes Erbarmen gegenüber den nichtjüdischen Völkern ungehorsam.
- Es soll aber dahin kommen, infolge Gottes Erbarmen gegenüber den nichtjüdischen Völkern, selbst Gottes Erbarmen zu finden.
- Gott hat also das gefallene jüdische Volk nicht von seinem Heilsplan ausgeschlossen, sondern sein Ungehorsam führt schlussendlich auch zur Begnadigung.
Gott hat also alle Menschen zu Gefangenen des Ungehorsams gemacht, damit er alle begnadigen kann. Nicht der Ungehorsam wird das letzte Wort haben, sondern sein Erbarmen in der Begnadigung.
Anwendungen:
- Durch die Errettung nichtjüdischer Menschen soll das jüdische Volk zur Eifersucht und zum Nacheifern gereizt werden. Auf diese Weise ist es möglich, jüdische Menschen für Christus zu gewinnen.
Ich glaube, dass uns diese "Strategie" nicht ganz unbekannt ist. Man kann sie sehr oft in der Kindererziehung beobachten. Eins der Kinder kommt bereitwillig dem Wunsch der Eltern nach und das andere Kind, das eigentlich weiß, dass es genauso handeln sollte, aber nicht will, wird nun durch das gute Beispiel zur Eifersucht und zum Nacheifern gereizt. Manchmal helfen da die Eltern mit ihren Worten noch etwas nach. Und schlussendlich funktioniert es (natürlich nicht immer), sodass nun beide Kinder den Wunsch der Eltern erfüllen.
Ähnliches spielt sich in Familien ab. Da sind möglicherweise die Eltern sehr religiös. Ein Kind kommt mit überzeugten Christen in Kontakt und reizt fortan seine Eltern zur Eifersucht und zum Nacheifern. Trotz aller Negativbeispiele ist ein solches Reizen so manches Mal auch von Erfolg gekrönt!
Dieses Gewinnen für Christus durch Eifersucht gibt es auch in Ehen, Nachbarschaften, unter Freunden, in der Verwandtschaft usw. Einer wird überzeugter Christ, dies reizt die, welche ihn kennen und selbst christlich angehaucht sind und entweder sie eifern dem überzeugten Christ nach, oder sie kapseln sich nach und nach ab (verstocken, verhärten).
Im nächsten Punkt werden wir sehen, dass diese Strategie wohl mehr ein Vorleben als ein Bequatschen ist. Damit möchte ich natürlich nicht sagen, dass zum Beispiel gläubige Kinder ihren religiösen Eltern nicht auch mal verbal das Evangelium sagen dürfen. Aber gelebter Glaube hat bei dieser Strategie wohl Vorrang. Deshalb sollten wir uns fragen, ob unser gelebter Glaube Überzeugungskraft hat oder ob wir nur Maulchristen sind?
- Christen aus den nichtjüdischen Völkern haben gegenüber Israel eine große Verantwortung. Das jüdische Volk soll durch sie zur Eifersucht und zum Nacheifern gereizt werden. Dazu ist nötig, dass Israel erkennt, dass Gott nichtjüdische Christen tatsächlich mit Gaben, die eigentlich Israel empfangen hatte (9,1-5), beschenkt hat. Diese Gaben werden zwar "nur" im übertragenen Sinne sichtbar (weil nichtjüdische Christen niemals Israel sind), aber sie werden erkennbar, wenn Christen als überzeugte Christen leben.
- Gabe 1: Nichtjüdische Christen sind nicht Israel, aber lebendige Gemeinde Jesu, deren Haupt Christus ist (Kolosser 1,18)!
- Gabe 2: Nichtjüdische Christen sind nicht der erstgeborene Sohn Gottes wie Israel, aber sie sind wiedergeborene Menschen (1. Petrus 1,3 +23), die Gott zu seinen Kindern gemacht hat (Galater 4,6)!
- Gabe 3: Nichtjüdischen Christen offenbarte sich Gott nicht in seiner Herrlichkeit in der Wolke usw., aber Gott hat uns die Herrlichkeit seines Sohnes offenbart. Die Jünger sahen - und wir durch sie - die Herrlichkeit des einzigartigen Sohnes voller Gnade und Wahrheit, die Glauben bewirkt (Johannes 1,14 + 2,11)!
- Gabe 4: Nichtjüdische Christen haben keinen Anteil an den Bündnissen Gottes mit Israel, aber Jesus setzte einen Neuen Bund in Kraft (Lukas 22,20), dessen Forderung durch den Heiligen Geist in die Herzen der Christen ausgegossen ist (Römer 5,5), dessen Gesetz ins Herz gegeben und und in den Sinn geschrieben ist (Hebräer 10,16). Dieser Bund ist auch der, der Israel verheißen ist (Jeremia 31,31ff)!
- Gabe 5: Nichtjüdische Christen behaupten zwar oft, dass die 10 Gebote auch ihnen gelten. Aber die 10 Gebote wurden Israel gegeben und haben zudem für Nichtchristen eine wichtige Funktion. Weil Christen ganz andere Voraussetzungen haben, hat Jesus das Gesetz erfüllt und beim neuen Gesetz des Geistes die Gesetzesinhalte verschärft und erwartet eine bessere Gerechtigkeit (Matthäus 5,17-20)!
- Gabe 6: Nichtjüdische Christen feiern keine jüdischen Gottesdienste. Jeder Christ ist selbst ein Tempel des Heiligen Geistes (1. Korinther 6,19). Der Opferkult ist in Jesus erfüllt, woran das Abendmahl erinnert (1. Korinther 11,24+25). Ihr vernünftiger Gottesdienst ist die Hingabe ihres ganzen Seins (Römer 12,1) - das Ausleben der Früchte des Heiligen Geistes (Galater 5,22). Und in ihren Gemeinden leben sie ihre Gnadengaben (1. Korinther 12)!
- Gabe 7: Nichtjüdische Christen wissen und haben bereits die Verheißungen erfahren, dass der Messias Israels in die Welt gekommen ist und das vollkommene Opfer dargebracht hat. Sie sind Nutznießer dieser Verheißungen an Israel und haben darüber hinaus selbst viele Verheißungen Gottes bekommen!
- Gabe 8: Nichtjüdische Christen leiten ihre Abstammung nicht von den Stammvätern Israels ab. Aber aufgrund ihres Glaubens sind sie zum Beispiel auf eine geistliche Art und Weise Nachkommen Abrahams (Römer 4,11+12)!
- Gabe 9: Nichtjüdische Christen können nicht behaupten, dass das Heil aus den Heiden kommt. Christus leitet seine Herkunft aus dem Stamm Davids (aus den Juden) ab (Johannes 4,22). Viel wichtiger ist aber, dass dieser Christus angenommen wird. Und das haben die Christen getan. Und gemäß unseres Textes heißt es vielleicht irgendwann einmal, dass das Heil aus den Christen kam (Christen reizen Israel zur Eifersucht und zum Nacheifern und auf diese übertragene Weise kommt das Heil dann aus den Christen)!
Wenn diese Gaben präsent sind, dann wird das jüdische Volk durch nichtjüdische Christen zur Eifersucht und damit auch zum Nacheifern gereizt. "Tote" und "laue" Christen reizen keinen Juden, sein Leben Jesus anzuvertrauen - sie reizen aber Christus, sie aus seinem Mund auszuspucken (Offenbarung 3,16)!
- Zu Gabe 1: Verherrlichen Sie und Ihre Gemeinde Christus? Oder geht es da um andere Dinge? Trifft man sich vielleicht als eingetragener Verein, dessen Mitglieder ein paar Dinge des Lebens ähnlich sehen?
- Zu Gabe 2: Wiedergeboren und Kind Gottes zu sein, ist die eine Seite der Medaille. Ich zum Beispiel bin Maschinenbautechniker und Meister. Ich kann Ihnen dieses Zeugnis zeigen. Viel wichtiger ist aber, ob Sie das an dem, was ich (hier) tue, erkennen. Ganz bestimmt nicht. Zeugt Ihr Leben davon, dass Sie wiedergeboren wurden, dass Sie ein neuer Mensch sind - jetzt ein Kind Gottes sind?
- Zu Gabe 3: Sie haben die Herrlichkeit Christi gesehen. Deshalb glauben Sie. Das heißt: Aufgrund dieses Sehens wurden Sie Christ und aufgrund dieses Sehens glauben Sie fortwährend Tag für Tag und leben im Vertrauen auf diesen Jesus. Das spürt man solchen Menschen ab - auch Ihnen?
- Zu Gabe 4: Der Christen Bund mit Gott ist eine Herzenssache. Warum reden dann viele Christen mit mürrischem Gesicht davon, dass sie dies und jenes "müssen"? "Wollen" oder "Müssen" Sie?
- Zu Gabe 5: Christen verfälschen lieber die 10 Gebote. Sie machen aus dem Sabbat schnell mal einen Sonntag und geben sich mit dem zufrieden, was das Gesetz eben so hergibt. Das können die Juden viel besser. Damit reizen wir sie nicht zur Eifersucht. Aber mit dem Ausleben des Gesetzes Christi schon. Man kann es ja in einem Wort zusammenfassen, nämlich "LIEBE". Die hingebungsvolle und aufopferungsvolle Liebe ist des Gesetzes Erfüllung (Römer 13,10). Diese Liebe begeht keinen Ehebruch - auch nicht im Köpfchen (Matthäus 5,28). Diese Liebe tötet auch nicht. Nach dem Gesetz Christi ist der grundlose Zorn schon Mord (Matthäus 5,22). Diese Liebe macht aus einem Dieb einen, der fleißig arbeiten geht, damit er was zum Weggeben hat (Epheser 4,28)! Usw.
- Zu Gabe 6: Viele Christen lieben ihren Gottesdienst und sind am Sonntagmorgen für diese 90 Minuten verbindliche Christen. Das reicht dann wieder für eine ganze Woche. Doch der wahre christliche Gottesdienst dauert täglich 24 Stunden. Nach Hebräer 4 ist das der Sabbat des Neuen Bundes. Jeden Tag 24 Stunden Gottesdienst! Erschreckt Sie dies? Das heißt nicht, dass der herkömmliche Gottesdienst (die Versammlung der Gemeinde) abgeschafft ist. Nein, ganz bestimmt nicht, aber wenn Gemeinde Jesu sich versammelt, dann versammelt sie sich als Leib Christi und entfaltet ihre Gnadengaben. Und zwar alle. Gemeinde Jesu hat keine Angst vor übernatürlichen Gnadengaben. Sie schafft sie auch nicht ab, sondern ist dankbar für Gottes Handeln in jeglicher Form. Gemeinde Jesu feiert auch das Abendmahl. Aber nicht im Sinne eines Opfermahls. Das Opfer wurde vollbracht und Gemeinde Jesu erinnert sich dessen. Im Alltag lebt Gemeinde Jesu die Früchte des Heiligen Geistes: Liebe, Geduld, Barmherzigkeit, usw. Das ist der Gottesdienst, der zur Eifersucht reizt.
- Zu Gabe 7: Der große Teil Israels hat seinen Messias verworfen und damit vorläufig auch den Weg zu seinem Gott. Aber als Christen sind wir Anhänger des jüdischen Messias und haben sein Rettungsangebot angenommen. Wir dürfen auch unzählige Verheißungen für unseren Alltag und die Ewigkeit in Anspruch nehmen. Er ist jeden Tag bei uns - bis ans Ende der Tage. Christen haben die Verheißung, dass sie das ewige Leben jetzt schon haben. Strahlt Ihr/unser Leben aus, dass wir es nicht alleine leben müssen und dass eine herrliche Zukunft vor uns liegt?
- Zu Gabe 8: Unser Glaube macht uns zu geistlichen Nachkommen Abrahams. Auch da gibt es wieder zwei Seiten der Medaille. Der Glaube versetzt uns in die Stellung von Abrahams Glaubensnachkommen und der gelebte Glaube ist das, was das jüdische Volk zur Eifersucht reizt. In wiefern lebe ich meinen Glauben? Wie zeigt sich dies in meinem Alltag?
- Zu Gabe 9: Die Bibel sagt uns, dass das Heil aus den Juden kommt. Wie begegnen wir diesen Menschen? Vor Kurzem wurde mir erzählt, wie eine "Christin" einen Vortrag über Israel gehalten hat und nichts Gutes an Israel ließ. Israel hat bis heute keine Freunde. Selbst viele Christen bringen kein positives Wort bezüglich dieses Volkes über ihre Lippen. Soll dieses absolute Fehlverhalten jüdische Menschen zur Eifersucht reizen?
Sie sehen, was in diesen paar Versen steht, hat eine praktische Dimension, die wir vielleicht noch nie so empfunden haben. Nur ein lebendiges Christentum reizt das jüdische Volk zum Nacheifern. Viele ernst zu nehmende Christen raten davon ab, jüdische Menschen zu evangelisieren. Das möchte ich nicht so absolut sehen - aber bevor Juden in unserem Leben nicht wahrnehmen können, dass Gottes Gaben präsent sind, sollten wir vielleicht doch lieber den Mund halten!
- Paulus ist für seinen Dienst dankbar. Er freut sich darüber, dass er damit das jüdische Volk zur Eifersucht reizen und dadurch eventuell einige von ihnen retten kann. Insgeheim erhofft er sich dadurch auch, den Zeitpunkt der Errettung des ganzen Volkes schneller herbeizuführen.
Paulus denkt und handelt jenseitsorientiert. Er verkündigt nichtjüdischen Völkern das Evangelium, damit sie ihr Jenseits absichern. Er ist dankbar dafür, weil er indirekt dadurch auch die Möglichkeit hat, zu jüdischen Menschen zu sprechen, damit auch sie ihr Jenseits absichern. Er tut es aber auch, um die Ausführung des Heilsplans Gottes zu beschleunigen.
Das lässt mich fragen, wie sehr ich/wir noch im Diesseits verhaftet sind und daran hängen. Freuen wir uns darüber, zumindest Mini-Evangelisten sein zu dürfen? Liegt uns die Absicherung für das Jenseits Anderer so sehr am Herzen, dass wir sogar dankbar für diesen Dienst sind? Und wie sehr denken wir dabei an das bis heute unter dem Gericht Gottes leidende Israel? Ist es uns wichtig, dass ganz Israel zum Glauben kommt? Würden wir dafür auch eine Reise nach Rom investieren (Urlaubsreise)?
- Ich frage mich immer wieder, wie man trotz dieser Verse steif und fest behaupten kann, dass Israel ganz verworfen ist und die Christenheit das wahre Israel ist. Die Wurzeln unseres Glaubens sind jüdisch (Abraham). Diese Wurzeln nähren uns und haben uns unsere "Heiligkeit" (den Segen) beschert. Wir gedeihen als wilde Triebe auf einem edlen Baum, wurden unter das jüdische Volk eingepfropft. Und wir sollten dies demütig zur Kenntnis nehmen. Stattdessen begegnet mir sehr oft ein unerträglicher Hochmut gegenüber dem jüdischen Volk. Woher kommt der? Vom Mangel an Ehrfurcht vor Gott (20).
Ich bin davon überzeugt, dass viele solcher Zweige, die sich auch heutzutage gegenüber Israel brüsten, keine Glaubenszweige sind. Sie bezeichnen sich als Christen, haben aber keine Errettung aufgrund des Glaubens erfahren. Diese Zweige werden wieder ausgebrochen. Sie sind nicht aus dem Glauben angewachsen!
- Was ist eigentlich Religiosität? Kommt man damit eventuell noch gerade so in den Himmel? NEIN! Religiosität ist sehr gefährlich. Niemand wird wohl abstreiten, dass das jüdische Volk sehr religiös war. Und dennoch heißt es in Vers 26, dass der Retter aus Jerusalem Israel von seiner Gottlosigkeit befreien wird. Mit anderen Worten: Religiosität ist Gottlosigkeit. Sie ist ein schlimmeres Gift als wirkliches Heidentum.
Der/die Einzigen, welche ihre Religiosität absolut richtig einschätzen (außer Gott und Christen) ist Satan und seine Dämonen. In Jakobus 2,19 heißt es, dass die Teufel auch glauben und dabei zittern. Satan und seine Dämonen sind "religiös". Sie glauben, aber sie wissen auch, dass ihr Glaube, ihre Religiosität in Gottes Gericht nicht tragfähig ist. Und deshalb zittern sie.
Der religiöse Mensch zittert normalerweise nicht. Er ist dermaßen selbstgerecht und überheblich, dass er zornig wird, wenn ein Christ ihm sein Christsein abspricht. Genau wie Satan Gott nachäfft (zum Beispiel dessen Dreieinigkeit) äffen religiöse Menschen Christen nach, geben sich als solche aus und missbrauchen das Wort Gottes, wo sie nur können. Doch es bleibt dabei: Religiosität ist Gottlosigkeit und nur Jesus kann von dieser Gottlosigkeit befreien!
- Gott erwählt. Er tut dies gemäß seiner freien Willensentscheidung (9,13). Diese Vorherbestimmung ist für uns Menschen schwer zu fassen.
- In Kapitel 9,22 haben wir gesehen, dass er trotz dieser Auserwählung gemäß seines freien Willens langmütig ist und diese Langmut Menschen zur Umkehr nützen sollten/könnten.
- In Kapitel 11,6 sprach Paulus davon, dass die Erwählung gemäß seines freien Willens im Zeichen seiner Gnade steht. Ohne diese seine Gnade gäbe es den Überrest Israels wohl nicht.
- Hier in Vers 28 schreibt Paulus, dass die Erwählung gemäß seines freien Willens in Liebe geschieht, und zwar in einer solchen Liebe, die auch Auswirkungen auf feindlich gesinnte Nachkommen hat.
Wiederum: Lassen wir die Erwählungslehre mal beiseite. Und konzentrieren wir uns in unserer Betrachtung gottesferner Menschen auf
- die Langmut Gottes, die Verstockung und Verhärtung unheimlich lange erträgt,
- dabei trotzdem seine Arme ausbreitet und seine Gnade anbietet
- und seine Liebe selbst absolut feindlich gesinnten Menschen schenkt.
Vorherbestimmung und Auserwählung hin oder her - bei Gott hat dabei seine Langmut, Gnade und Liebe noch ein Wörtchen mitzureden! Nicht weil ich das so sage, sondern weil Gott sich das so auferlegt hat!
In Vers 29 heißt es zudem, dass er auch so handelt, weil er seine Gnadengaben nicht zurücknimmt und seine Berufung nicht widerruft. Mir fällt dabei die Schöpfungsgeschichte ein. Dort schuf Gott Menschen nach seinem Bilde, gab ihnen Gnadengaben und berief sie zu seinem Dienst. Auch das sind wohl Gründe dafür, warum sich Gott wegen der Menschen so abmüht. Und wie gehen sie damit um? Lassen sie sich eventuell dann, wenn wir ihnen diese Dinge verständlich weitergeben, gewinnen?
- Nicht der Ungehorsam gegenüber Gott, sondern sein Erbarmen in der Begnadigung von Menschen hat das letzte Wort. Diese Aussage sollte Motivation für jedes evangelistische Gespräch sein. Wie oft ist man da entmutigt, weil man immer nur den Ungehorsam sieht. Im Grunde genommen heißt dies doch, dass hier der Ungehorsam das letzte Wort hat. Bei Gott ist es aber genau andersrum. Die Begnadigung hat das letzte Wort!
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