Der Römerbrief:
Text, Auslegung & Anwendung
Römer 2,1 - 3,8: Der Unterschied zwischen den Juden und den Heiden
Wichtig: Diese Unterseite ist Teil II einer siebenteiligen Serie. Die Zusammenstellung dieser Serie finden Sie HIER. Bitte beginnen Sie mit der Lektüre bei Teil I und erarbeiten Sie sich die Texte fortlaufend bis Teil VII.
Dies ist die Fortsetzung von Teil I!
Auslegung:
Gottes Zorn über den Juden
Kapitel 1,18-32 hatte ich ja mit der Überschrift "Gottes Zorn über den Heiden" versehen. Der gesamte Text macht deutlich, dass Paulus über die Heiden spricht. Die Folge davon ist, dass der Jude gegenüber diesen Ausführungen völlig immun ist. Die Heiden sind (große) Sünder und Gott reagiert auf diese Sünden mit seinem Zorn. Sie selbst weichen "nur" vom Weg ab und werden "mit sanften Schlägen auf den rechten Weg zurückgebracht" (Weisheit 11,9+10). Mit anderen Worten: Die Heiden trifft der Zorn Gottes, das jüdische Volk hingegen wird bloß vom "Vater mit sanften Schlägen" erzogen. Paulus weiß natürlich um diese Ansicht und macht mit diesem Abschnitt den Juden klar, dass auch sie unter dem Zorn Gottes stehen.
Im Folgenden möchte ich auch diesen Text anhand von Fragen (und Antworten) erhellen.
1. - Was unterscheidet den Juden vom Heiden? Was sind seine Vorzüge?
- 2,17: Er nennt sich voller Stolz einen Juden! Für andere ist diese Bezeichnung ein Schimpfwort. Für den Juden selbst ist es aber ein Ehrenname.
- Er verlässt sich auf das mosaische Gesetz! Der Jude vertraut dem Gesetz. Für ihn ist es eine verlässliche und feste Stütze seines Lebens.
- Er rühmt sich Gottes! Sein Vertrauen äußert sich im Lobpreis und Bekenntnis Gottes!
- 2,18: Er kennt den Willen Gottes!
- Er kann richtig einschätzen, worauf es beim Willen Gottes ankommt! Der Jude kennt also nicht nur das Gesetz und den Willen Gottes. Er kann es auch in die Alltagssituationen hinein richtig auslegen und anwenden, weil er im Gesetz unterrichtet ist!
- 2,19: Er ist überzeugt, ein Führer der Blinden zu sein, ein Licht für die, die in der Finsternis sind! Hier spricht Paulus die jüdische Missionierung der Heiden an.
- Er ist ein Erzieher der Unverständigen!
- Er ist ein Lehrer der Unwissenden, der der Inbegriff der Erkenntnis und Wahrheit des mosaischen Gesetzes ist! Sobald der blinde und in der Finsternis lebende Heide sich bekehrt hat (ein Proselyt geworden ist), benötigt er Unterweisung. Diese bekommt er von dem, der auf ihn als einen Unverständigen und Unwissenden herabblickt. Der Jude wird zu seinem Erzieher und Lehrer und erzieht und belehrt ihn als einer, der quasi die Erkenntnis und Wahrheit des mosaischen Gesetzes in Person ist.
- 2,23: Er rühmt sich des mosaischen Gesetzes! Mit dem Gesetz besitzt der Jude alles, was er über Gott und Gottes Willen wissen muss.
- 2,25 + 3,1: Er sieht in der Beschneidung einen Nutzen! Das Bundeszeichen war für ihn auch ein Heilszeichen: Gesetz + Beschneidung = Heil!
- 3,2: Er bekam das Wort Gottes anvertraut! Die Verheißungen Gottes wurden ihm zu treuen Händen übergeben, wodurch er zum Verwalter des Wortes Gottes wurde (vgl. Kapitel 9,4+5).
Diese Vorzüge hat der Jude gegenüber dem Heiden. Und das bestreitet Paulus nicht. Es sind tatsächlich Vorzüge. Wenn dem so ist, kann man dann überhaupt von einem "Zorn Gottes über den Juden" reden? Die Heiden aus Kapitel 1 lehnen das von Gott Erkennbare ab, die Juden aber bekennen sich zu ihren Vorzügen!
2. - In wiefern kann man trotz dieser Vorzüge vom "Zorn Gottes über den Juden" sprechen?
- 2,1: Der Jude ist ein leidenschaftlicher Richter. Dies gilt allerdings nur in Bezug auf die Heiden. Sich selbst gegenüber ist er völlig unkritisch. Er tut dieselben Dinge. Dadurch verurteilt er sich selbst.
- 2,13: Er ist kein Täter des Gesetzes!
- 2,23: Sein widersprüchliches Leben verunehrt Gott!
- 2,24: Sein widersprüchliches Leben sorgt dafür, dass Gottes Name unter den Heiden in den Schmutz gezogen wird!
- 2,25: Er befolgt das Gesetz nicht!
- 3,3-5+7: Er ist Gott untreu, lügt und ist ungerecht!
- 2,21: Er belehrt andere. Sich selbst belehrt er aber nicht!
Diese Tatsache belegen drei Beispiele:
- 2,21b: Der Jude predigt: "Du sollst nicht stehlen!"
- 2,22: Er sagt: "Du darfst die Ehe nicht brechen!"
- 2,22: Und er verabscheut Götzen.
Aber was tut er trotz dieser seiner Predigt, Aussage und Haltung?
- 2,21b: Der Jude stiehlt!
- 2,22: Der Jude bricht die Ehe!
- 2,22: Der Jude begeht Tempelraub! (vgl. 5. Mose 7,25+26 = Bereicherung an Tempelschätzen)
Anwendung:
1. - Der Vorzug des Paulus - Die "graue" Predigt!
Haben Sie auch das Gefühl, dass es viel Grund gibt, Paulus zu beneiden? Er hatte es doch leicht. In seiner Welt gab es entweder Juden oder Heiden. Traf er auf Heiden, wusste er, wie er sie mit dem Evangelium erreichen konnte. Hatte er eine jüdische Zuhörerschaft, konnte er mit seiner Botschaft da ansetzen, wo sie verstanden, was er ihnen sagen möchte.
Und wir? Wir leben in einem Land, wo sich nahezu jeder Erwachsene als Christ bezeichnen würde. Deutet man "Heide" als "Nichtchrist", sind wohl viele von ihnen waschechte Heiden. Deutet man "Jude" als "traditionell fromm", sind sie auch dies. Predigt man ihnen "Gottes Zorn über den Heiden", wenden sie sich ab und fühlen sich nicht angesprochen. Verkündigt man ihnen "Gottes Zorn über den Juden", hat ihnen auch diese Botschaft nichts zu sagen. Sie sind ja Christen und von "Gottes Zorn über den Christen" steht hier nichts!
Nun, wir müssen Paulus nicht beneiden. Es mag zwar vorteilhaft sein, wenn man "schwarz" oder "weiß" predigen kann, aber angenommen wird auch diese Botschaft nicht automatisch. Und Paulus hat während seines Dienstes am Evangelium viel Leid ertragen müssen, weil seine Zuhörer - Juden und Heiden - mit seiner Predigt nicht einverstanden waren.
Es gibt also keinen Grund dafür, Paulus zu beneiden. Was wir aber tun sollten, ist dies: Wir sollten uns gedanklich auf eine "graue" Predigt vorbereiten, damit wir die "jüdischen Heiden" oder die "heidnischen Juden" erreichen!
2. - Die Vorzüge der Traditionschristen!
In der ersten Anwendung sprach ich von einer "grauen" Predigt und meinte damit, dass eine Botschaft, die "Traditionschristen" mit dem Zorn Gottes (und hinterher mit dem Evangelium) erreichen soll, Elemente einer Predigt sowohl an Heiden als auch an Juden enthalten muss. In unserer Liste der Vorzüge (1.) finden wir Punkte, die wir diesbezüglich anwenden können:
- Der Traditionschrist betrachtet sich oft voller Stolz als Christ! Zumindest wird er sauer, wenn man sein Christsein in Zweifel zieht!
- Der Traditionschrist beruft sich gerne auf die 10 Gebote! Er ist der Überzeugung, dass er gemäß dieser Gebote lebt!
- Der Traditionschrist rühmt sich seiner Nähe zu Gott! Diese Nähe hat er zum Beispiel dadurch, dass er täglich einige "Vater unser" betet und / oder den Sonntagsgottesdienst besucht.
- Der Traditionschrist ist sich gewiss, den Willen Gottes zu kennen! Oft scheint dieser darauf reduziert zu sein, dass man noch niemanden umgebracht hat.
- Der Traditionschrist meint auch, die Bibel richtig auszulegen! Dies geschieht aufgrund des "gesunden Menschenverstandes".
- Der Traditionschrist ist sich sicher, wie man Christ wird! Die Antwort darauf lautet "Taufe" und / oder "gute Werke".
- Der Traditionschrist verhält sich wie einer, der das Wort Gottes gepachtet hat! Aber mehr in der Weise, dass er es gar nicht benötigt, weil er weiß, wo's lang geht.
- Der Traditionschrist sieht in der Taufe einen Vorzug! Taufe + Firmung / Konfirmation = Heil.
Und wie entkräftet Paulus diese Vorzüge? Darüber habe ich unter 2. geschrieben. Erstaunlich ist, dass diese Vorzüge mit dem "Tun" stehen oder fallen. Vorzüge sind nicht dazu da, sie als eine Art Garantieschein anzusehen, sondern als ein Entgegenkommen Gottes, das genutzt werden muss.
- Meiner Erfahrung nach spielt sich auch der Traditionschrist als Richter auf. Immer steht er besser da, als die anderen und verurteilt dann diese. Sünde ist nicht gleich Sünde, sondern Sünde wird in Kategorien unterteilt. Die anderen sündigen schwer, wodurch sie selbst in einem besseren Licht stehen. Ein Beispiel: Der Traditionschrist hat zwar die Ehe gebrochen, aber der andere geht ja nur fremd. Er hat zwar beim Verkauf seines Autos den Unfall unterschlagen, aber die anderen betrügen ja nur. Was er tut, ist die harmlose Variante, die von Haus aus jeder tut und deshalb legitim ist. Trotzdem verurteilt er sich dadurch ebenso selbst, wie der Jude.
- Und auch ihm kann man vorwerfen, dass er kein Täter des Gesetzes ist - auch nicht der 10 Gebote! Geht man mit ihm die 10 Gebote durch, müsste er dies einsehen. Insbesondere dann, wenn man die verschärfte Formulierung Jesu aus der Bergpredigt anwendet (Mattäus 5).
- Natürlich behandelt auch er in dieser Widersprüchlichkeit Gott verächtlich. Wenn andere Menschen "Hör mir bloß mit den Christen auf" sagen, dann ist diese Widersprüchlichkeit dafür verantwortlich, dass der Name Gottes unter den "Heiden" in den Schmutz gezogen wird.
- Von einer Treue Gott gegenüber kann keine Rede sein. Wenn es nützlich erscheint, eine Verbundenheit zu Gott zu demonstrieren, dann hängt man ihm an. Ist diese Ergebenheit in irgendeiner Weise hinderlich oder hat negative Auswirkungen, wird sie verleugnet.
- Was andere Gott gemäß zu tun haben, wissen sie ganz genau. Für sie selbst gilt dies aber nicht. Genau, wie Paulus Beispiele anführt, könnte man hier auch Gebote anführen, auf die gepocht wird, für sie selbst aber keine Bedeutung haben oder mit einer raffinierten Klausel versehen werden.
Die "graue" Predigt hat also viel mit dem Gesetz zu tun. Mit dem Gesetz, das den Heiden ins Herz geschrieben ist und / oder dem geschriebenen Gesetz aus der Bibel. Zu einem späteren Zeitpunkt werden wir noch darauf zu sprechen kommen, dass es die Funktion hatte und auch weiterhin hat, Sündenerkenntnis zu bewirken.
Weiter mit Teil III!
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